MascaraVor mir saß eine Frau mit müden Augen. Ihre blonden, glatten Haare lagen links und rechts auf ihrer Schulter. Auf ihrem Schoß lag eine große Tasche, fest verschlossen durch einen großen Reißverschluss und ihre klammernden Hände. Sie saß schon dort am Fenster, als ich mich dazusetzte. Eine Leidensgenossin, hatte ich gedacht, denn auch ich war sehr müde. Seit Wochen arbeitete ich: Im Fernsehen, in der Uni und an der Bachelorarbeit. Fröhliche Menschen, die mich fragten, ob ich mich mit ihnen in die Sonne legen will, konnte ich mittlerweile nicht mehr ertragen. Quatschende Freundinnen, die die ganze Zugfahrt über das letzte Date redeten, auch nicht. Daher suchte ich mir den Vierersitz mit der überarbeiteten Frau aus.

Nach und nach füllte sich unser Vierer. Neben mich setzte sich ein furchtbar schwitzender Mann, der auf seinem E-Bookreader einen schlechten Roman las. Gegenüber saß ein pickeliger Junge, der auf seinem Handy herumtippte – ich schätzte Angry Birds oder Whatsapp. Mit dem Versuch an möglichst wenig zu denken, lehnte ich mich zurück und beobachtete die müde Frau. Die kleinen Falten rund um ihren Mund, die blonden Wimpern und die schmalen Schultern, die sie beim Gähnen hochzog. Sie hatte mit Sicherheit einen Bürojob, keinen Kundenkontakt, staubige Luft und keine Freunde, mit denen sie nach Feierabend ein Wein trinken könnte. Ich stellte mir vor, wie sie nach Hause kam. Sie war allein, nicht mal eine Katze hatte sie. Sie kochte sich etwas, da sie bestelltes Essen zu fettig fand. Ihr Gericht aß sie dann, während sie den Tatort schaute. Den hatte sie früher nie gemocht, aber seit er plötzlich so beliebt wurde, schaute auch sie ihn. Meistens war sie zu unmotiviert ins Bett zu gehen und zappte sich bis nach Mitternacht durch das Fernsehprogramm.

Die Frau öffnete ihre große Tasche und ich verfolgte genau jede Bewegung. Hervor kam eine weitere, kleinere Tasche. Daraus zog sie eine neue Tasche, mehr ein kleiner Beutel. Ich musste an Jim Knopf denken, als zu Beginn der Geschichte ein großes Paket auf Lummerland ankommt und nach jedem Öffnen ein neues Paket zum Vorschein kommt. Irgendwo hatte ich gelesen, dass der Autor Michael Ende nur nicht gewusst hatte, was darin sein sollte, weswegen er die Offenbarung hinauszögern wollte. Die Frau holte vorsichtig eine Silberkette heraus und band sie sich um den Hals. Aus dem Beutel zog sie einen weiteren hervor, in dem sich Ohrringe befanden. Ich war fasziniert. Mit zwei schnellen Handgriffen hingen sie an ihren Ohren und schon hatte sie einen neuen Behälter in der Hand, dieses Mal eine kleine Schachtel. In ihr waren drei silberne Ringe. Sie waren breit und schlicht, und passten perfekt an ihre Finger.

Nachdem alles wieder verstaut war, holte sie etwas neues heraus, dieses Mal eine Schminktasche. In ihr waren zwei weitere Taschen: Eine mit Schminke und eine Durchsichtige mit Wattepads und einer kleinen, weißen Tube. Diese Tube musste Augencreme beinhalten, denn diese tupfte sie sich unter die Augen. Ihre müden Augen waren verschwunden und ich erkannte ihre Schönheit. Sie war noch nicht fertig und zückte Mascara. Bevor sie sich ordentlich die Wimpern tuschte, wischte sie die Bürste an einem Taschentuch ab. Ich verlor mich in Gedanken, weshalb sie das tat, denn es war mir unerklärlich. Als ich wieder aufschaute, war sie schon dabei ihre Haare ordentlich zu einem Zopf zusammenzubinden. Zum Schluss zog sie sich einen Blazer über ihr Baumwoll-Top und sie verstaute alle Beutel, Taschen und Behälter in ihrer großen Tasche. Vor mir saß eine neue Frau, selbstbewusst und zielstrebig. Diese Person liebte ihren Job und trank nach Feierabend gerne Long Island Iced Tea.

Der Knirps neben ihr sprach sie an: “Sie fahren die Strecke wohl öfters” und die Frau nickte: “Die halbe Woche verbringe ich in Darmstadt in meiner Zweitwohnung und die restliche Zeit in Heidelberg in der Wohnung zusammen mit meinem Freund.” Ich hörte Zufriedenheit, sie bereute nichts. “Was man nicht alles für die Liebe tut”, sagte der Knirps und ich schnaubte missbilligend. Die Frau schaute mich kurz an und durch ein kleines Lächeln breiteten sich die kleinen Falten um ihren Mundwinkel herum aus. Sie dachte dasselbe. Zu dem Knirps sagte sie: “Was tut man nicht alles für den Job.” Meine Bewunderung für sie wuchs augenblicklich und ich versank erneut in Gedanken, dieses Mal über meine neue Vorstellung, wie sie Abends nach Hause kam. Als ich daraus erwachte, war die Frau weg. Der Zug war in Frankfurt angekommen, ich musste umsteigen. Traurig darüber, dass ich ihr Aussteigen nicht mitbekommen hatte, stelle ich ihn mir vor: Entspannt hatte sie ihren Pferdeschwanz von ihrer Schulter gestrichen, dann beim Aufstehen ihr Baumwolle-Top zurechtgezupft. Mit festen Schritten war sie den Gang entlanggelaufen, durch die Zugtür hindurch und das Gleis entlang. Stolz, zufrieden und mit wippenden Haaren.

Foto: flickr//LoveMyVouchers.co.uk

Ear Eeeeee

Vater und Sohn sitzen neben mir. Sie haben sich viel zu sagen, doch trauen es sich nicht zu damit anzufangen. Stattdessen reden sie über ihre neuen Smartphones. Sie zeigen sich Funktionen und sind begeistert von den Fähigkeiten der Geräte. Dabei hören sie einander nicht zu, denn die Worte sind nur da, um den Anschein zu geben, sie würden sich tatsächlich austauschen.

Der Vater ist massig, sein Kopf ist kahl und glänzend. Sein Hemd ist gebügelt und ordentlich in die Hose gesteckt. Der Sohn sieht ihm nicht ähnlich. Er ist klein, trägt eine Baseballkappe und schaut oft an den Augen seines Vaters vorbei, als würde er sich vor ihm ducken. Nur die Ohren, die sind bei beiden exakt die gleichen: Groß und sehr definiert mit angewachsenem Ohrläppchen.

Nun spricht der Vater von der Börse, sein Sprössling versucht mitzuhalten. Dabei verfällt er immer öfter in zustimmendes Nicken, weil er eigentlich keine Meinung zu dem Thema hat. Er schaut gar nicht mehr auf und das Gespräch kommt ins Stocken. Der Vater ist enttäuscht, er war schon immer enttäuscht. Aber der Sohn weiß nicht, dass er nicht von ihm enttäuscht ist, sondern von sich. Denn er hat es versäumt, ihm zu lehren, was im Leben wichtig sei.

Die beiden sitzen sich gegenüber, der Vater wechselt wieder das Thema – dieses Mal zu Fußball. Der Sohn nickt, die Schwere in der Luft herunterschluckend. Am Abend werden sie sich verabschieden und betonen, wie schön es war, sich zu sehen. Und jetzt sitzen Vater und Sohn neben mir und sprechen, um das Wichtige verschweigen zu können.

Foto: flickr // Alan Bell

Black Keys @ Music Midtown
Mit dem Rücken in Zielrichtung fahre ich aus Darmstadt raus. Eine Fahrt, die sich ab jetzt viele Tage in der Woche wiederholen wird. Neben mir sitzen Menschen mit schicken Mänteln und eine dünne Mütze für die morgendliche Frische. Die Beine überschlagen und in Gedanken schon auf ihren Bürostühlen sitzend. Im entgegenkommenden Zug sitzen betrunkene Menschen, die mit verrutschten Kleidern auf eine lange Nacht zurückblicken. Weiterlesen »

Eno In A Bad Mood?
Gerade sitze ich am Küchentisch und erinnere mich an eine gestrige Bahnfahrt. Der Grund dafür ist, dass in mir jetzt gerade die gleiche schlechte Laune aufwallt, die ich während dieser Fahrt gespürt hatte. Mein Problem war vor allem, dass ich kein tatsächliches Problem hatte. Dann hätte ich eine Lösung finden können. So stand ich einfach in der Bahn mit meiner schlechten Laune und wusste nicht, wohin damit. Ich schaute mir die anderen Leute an. Einige lasen, ein Mädchen zupfte sich ihre Wimpern im Handspiegel zurecht und ein zwei Männer lachten unerhört glücklich miteinander. Die meisten starrten mit leblosen Gesichtern auf einen unbestimmten Punkt vor ihnen, um plötzlich an einer Haltestelle aufzustehen und die Bahn zu verlassen. Ich entschied mich ebenfalls für die Anteilnahmlosigkeit und suchte mir ein Stück Luft vor mir zum Starren aus. Weiterlesen »

Ich bin weg

Hardcore Study Time
Für eine Weile werde ich hier nicht viel schreiben können. Drei Monate werde ich mich eher um meine Bachelorarbeit kümmern. Lest ein Buch. Tanzt auf der Straße! Und natürlich immer wieder:

Fahrt los. Setzt euch in die Bahn, ins Auto, ins Flugzug, auf das Fahrrad und fahrt los! Und wenn ihr nicht sehr viel Zeit habt, dann lauft los. Seit unterwegs des Unterwegsseins Willen.

Bis bald!

Foto: flickr // Wysz

Blood SpatterWir stürmen aus dem Haus. Obwohl es Winter ist, trägt mein Mitbewohner Sebastian nur ein T-Shirt, seine Jacke hängt eilig über meinen Arm geworfen. Er hält seine Hand hoch in die Luft, diese ist notdürftig mit Mullbinden verbunden. Blutflecken drängen nach außen. Weiterlesen »

schalDie Tür geht auf und mit den Worten: “Du hast zwei Päckchen bekommen”, fliegen zwei Gegenstände auf mich zu. Ich schaffe es nicht, auszuweichen und murre beleidigt die Tür an, die inzwischen wieder geschlossen ist. Ich sammle beide Päckchen vom Boden auf. Das erste ist von meiner Krankenkasse: “Herzlichen Glückwunsch zum 25sten, Sie dürfen uns jetzt jeden Monat 80 Euro zahlen.” Das zweite ist allerdings interessanter. Es hat Luftpölsterchen und fühlt sich weich an. Ich muss nicht den Absender lesen, um zu wissen, von wem es ist. “Ich habe den Schal bekommen!”, rufe ich begeistert und kämpfe mich durch das Verpackungsmaterial. Weiterlesen »

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.