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Ohne Bett in Malmö

Was zuvor geschah: Hanna wacht auf und denkt sich “Ich fahr nach Schweden!”, Hanna macht einen Zwischenstopp in Hamburg, Hanna durchquert Dänemark, fährt über eine tolle Mautbrücke nach Schweden.  Weiterlesen »

Ich kichere in mich hinein und erschrecke, weil ich doch laut gekichert hatte. Ein Blogbeitrag über’s Bahnfahren! Weiterlesen »

Zwei leere Plätze

Vor mir sitzt ein Mann und eine Frau, beide mit einem vollendetem Leben vor ihnen ausgebreitet. Sie sind wettergegerbt und faltig, sie sind stark und stolz. In den schnellen Jahren ihres Lebens erlebten sie sich immer wieder neu, retteten sich und haben sich auch schon mal aus den Augen verloren. Fast hätte ich sie nicht bemerkt, weil ich müde und unaufmerksam in meinem Plastiksitz hänge. Dann greift er nach ihrer Hand und diese kleine Bewegung erweckt mich und meine Aufmerksamkeit. Sind es vielleicht Bernd und Simone? Vielleicht läuft ihre Zeit nicht wie die meine ab. Vielleicht ist Simone ihm damals mit dem nächsten Zug hinterhergefahren. Als es dann an seiner Tür geklingelt hatte, brauchten sie keine Worte mehr, denn sie hatte vor seiner Tür gestanden. Vielleicht. Die Bahn rast wackelnd um die Kurven des U-Bahn-Netzes und rüttelnd bin ich mir fast nicht sicher, ob es  vielleicht doch nur eine Einbildung ist. Er zieht ihre Hand an seinen Mund und drückt einen langen und festen Kuss darauf. Errötend erstrahlt die alte Frau und sie lässt ihre Hand noch lange in seiner. Während mich die nächste Kurve aus meinem Sitz wirft und die beiden aus meinem Blickfeld verschwinden, weiß ich, dass es nicht Simone und Bernd waren. Simone wäre nie in den nächsten Zug gesprungen. Als ich mich wieder aufgesetzt habe, sind beide Sitze vor mir leer. Vielleicht sind sie blitzschnell aufgestanden. Vielleicht.

Jeden Dienstag gibt’s was neues auf Catch the train if you can. Wenn man trotzdem ‘ne Erinnerung braucht oder auch über aus der Reihe tanzende Einträge Bescheid bekommen möchte, kann meinen Blog rechts per Email abonnieren.

Die Brücke nach Schweden

Der Wind schleudert alles, was er finden kann, mal nach links, mal nach rechts. Und ich bin mittendrin, habe mich selbst in das windige Leben hinausgeworfen und die Orkanwarnungen ignorierend lasse ich mich vom Leben hin und her schleudern. Ein Schild weist mich darauf hin, dass jetzt die letzte Tankstelle in Deutschland kommt und ich stelle mich darauf ein loszujubeln, sobald ich sie erreiche. 2km. 1000m. 500m.  Weiterlesen »

“Das ist doch abturnend!”, spuckt sie aus. “Mich turnt das nicht an, mich turnt das ab!” Ich schätze, dass sie etwa 60 Jahre alt ist und sie redet mit zwei jungen Männern, jünger als ich, über ein Poster von David Beckham. Meistens gelingt es mir bei Gesprächen anderer anteilnahmslos zu wirken, aber jetzt lache ich laut auf. Einer der Männer dreht sich ebenfalls lachend kurz zu mir um.” Die Alte zeigt auf eins seiner vielen Tattoos: “Jetzt mal ehrlich, turnt euch das etwa an? Findet ihr das schön?” Die Antwort der beiden kann ich nicht verstehen, er wird mit dem Schneestaub auf der Straße weggeweht. “Ach was!”, schüttelt sie den Kopf, “Ach was, das hat doch nichts mit Generationen zu tun. Das ist hässlich! Und ungesund!” Einer der beiden entgegnet etwas, wird aber sofort unterbrochen. “Das ist ungesund! Wenn der mal in eine Röhre muss, im Krankenhaus. Das geht nicht, das können die nicht machen, weil es nämlich wegen den Tattowierungen nichts bringt.” Lange schaut sie wieder auf den nackten Beckham. “An sich ist er ja ein hübscher Kerl. Aber er macht sie ja kaputt damit.” Dann zu einen der beiden Jungs: “Was hast du denn für eins? Einen Namen? Na ja, das kann man ja noch wegmachen lassen”, sagt sie nüchtern. Die Straßenbahn kommt und weht uns dick mit Schnee zu. Als die beiden Männer vor mir einsteigen, ruft die alte Frau noch: “Auf Wiedersehen!” und schleicht über die Straße weg von der Haltestelle. Sofort überlege ich, weswegen sie am Bahnsteig gewesen sein mag. Jedenfalls hörte ich beim Aussteigen noch, wie die beiden darüber diskutierten, welches Tattoo sie als nächstes machen wollen. Eine Spinne auf dem Hinterkopf.

Unsere Flucht dauerte jedes Mal vierzig Minuten. Ich fuhr immer schnell, schneller als erlaubt, aber diese Highways sind zu verlockend. Die Flucht startete jedes Mal gleich. Der Lärm draußen und der Versuch mit meiner verschlossenen Tür ihn auszuschließen. Das Klingeln meines großen Telefons und die erstickte, kleine Stimme: “Ich brauche unbedingt wieder unsere Insel. Hast du frei?” Weiterlesen »

Es ist der erste Tag im neuen Jahr und ich stehe, seit fünf Minuten wach, vor meiner Weltkarte an der Wand. Eiskalte, nach Regen riechende Luft weht durch meine Vorhänge an meinen Beinen vorbei. Leicht schwindelig von der gestrigen Party stehe ich trotzdem auf den Zehenspitzen, damit ich Europa besser sehen kann. Als ich langsam schläfrig wach wurde, waren mir plötzlich drei Dinge bewusst: Ich habe ein Auto, ich habe eine Woche Zeit und ich hab genug Geld, um mich durchzuschlagen. Schlagartig wach kletterte ich über das Fußende des Bettes, die Decke wegen der Kälte sicherheitshalber mitziehend. Jetzt gehe ich mehrere Pläne in meinem Kopf durch. Portugal. Über Paris und durch Spanien sollte das in vier Tagen machbar sein. Das war dennoch zu knapp. Weiter östlich sind zu viele Länder, durch die ich ungern allein durchfahren will. Ratlos schaue ich eine Weile ohne zu denken auf all das europäische Gewirr. An mein Fernweh gewöhnt will ich schon wieder zurück in mein noch warmes Bett, da sehe ich die kleinen gestrichelten Linien zwischen Dänemark und Schweden. Brücken. Ich googel es und das Ergebnis lässt sich sehen. Da will ich hin. Ich ziehe meine große Reisetasche von meinen Schrank runter, werfe versucht geplant verschiedene Kleidungsstücke hinein. Möglichst warm. Die Tasche landet auf dem Rücksitz und ich fahre durch den Regen los, nach Norden. Erster Zwischenstopp ist Hamburg. Nach fünf Stunden Autobahn fühle ich mich steif und alt, meine Knochen knacken und wackelig laufe ich zum ersten Mal in meinem Leben durch Hamburg. Hallo, Hamburg. Du bist aber hübsch. Bis morgen Früh bleibe ich hier. Es ist kalt, aber windstill. Ich weiß trotzdem, dass mich am nächsten Morgen der Wind weitertreiben wird.

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“Es war gut so, es war ein schöner Versuch. Aber es ist zu Ende”, sagt sie und hält ihren Shopper mit ihren beiden dicken Fäustlingen fest. Ich höre Simone nicht, aber ich weiß irgendwie, was sie sagt. Zwischen Bernds Füßen liegt eine zerschlissene, prall gefüllte Reisetasche. “Ein Versuch?”, wiederholt er sie, es klingt gehässig, weil er verletzt ist. “Das war kein Versuch für mich. Das hier, wir beide, das ist die Wirklichkeit für mich.” Wütend schüttelt er den Kopf, als sie nichts dazu sagt. Ich halte den Atem an, um besser sehen zu können. Mein Atem beschlägt die Fensterscheibe. Die Nebelschwaden um die zwei herum ziehen sich langsam zurück. “So etwas versucht man nicht.” Er will sie zu einer Antwort zwingen: “Ich habe keine Sekunde überlegen müssen, ob ich am nächsten Tag auch noch mit dir zusammen sein will. Ich hatte keinen Grund, etwas zu versuchen, ich war da, wo ich hingehöre.” Mittlerweile stehen oder laufen viele Reisende um sie herum und als gegenüber von mir ein ICE einfährt, drehen beide sich zu ihm um. Es ist sein Zug. “Ich habe es versucht”, sagt sie, mehr kann sie ihm nicht sagen. Vielleicht weiß sie selbst nicht mehr. “Pff”, macht Bernd, und er schultert seine Tasche. Kurz stehen sie noch da, dann hebt sie den Kopf und sagt: “Gib mir noch einen Kuss.” Er blickt sie ungläubig an. Traurig. Vielleicht ein wenig verachtend. Dann schultert er seine Tasche und geht zur Zugtür. Selbst als er darauf wartet, dass diese sich öffnet, dreht er sich nicht noch einmal um. Simone aber schaut ihm unbewelich nach. Selbst als er nicht mehr zu sehen ist und mein Zug langsam aus dem Bahnhof rollt, steht sie noch da, ihren Shopper mit ihren Fäustlingen umklammert.

Wie Bernd und Simone sich kennenlernten und zusammenkamen, kann man hier lesen.

“Why do you always want to go somewhere?”, nuschelt die Kleine und beobacht mich, wie ich versuche einen dicken Käfer auf einen Zweig zu locken. “What did you say?”, frage ich, obwohl ich sie ganz genau verstanden habe. “You always come here every summer, and you want to go everywhere! You don’t like it in Germany?” Die vierjährige Nelly  guckt mich mit ihren großen, wachen Augen an und sie weiß nicht einmal, wie neu mir ihre Frage gerade ist. Es ist der britische Sommer 2010 und ich sitze mit meinem Schützling auf dem riesigen Trampolin in ihrem Garten. Wir befreien es von Blättern und Krabbeltieren und hatten eine Weile vor Nellys Frage nichts gesagt. Jetzt versuche ich meine Verwunderung zu überspielen und weiche ihr aus: “I come here, because I like the country. And I like you. I enjoy being at home, of course I do. But I like going away too much.” Sie guckt mich weiter an, die Antwort reicht ihr nicht. Ich gebe es auf den Käfer zu fangen und lasse mich nach hinten fallen. Das Trampolin wippt leicht, als Nelly sich an meine Seite kuschelt. Über uns hängen graue Wolken und dicke Äste, von denen vereinzelt trockene Blätter herabsegeln. “Do you remember the book we read the other night? About the boy who finds a penguin in his bedroom – ” Sie unterbricht mich: “And they go on a boat to find the penguins home?” Sie ist halb vor Begeisterung aufgesprungen und ihre Haare hängen mir ins Gesicht: “And, and they ship over the whole sea?” Ich muss grinsen: “Yea, and in the end the penguin wants to go back with the boy.” Wieder knäult sie sich in meinen Arm und lächelt in sich hinein. Nach einer Weile fragt sie ruhig: “So what about it?” – “I don’t only wanna read about those adventures, I wanna live them. I wanna know how it feels to be in India, how it smells somewhere else or what people eat in different countries.” Nelly kichert und presst ihren Mund gegen mein Ohr: “In Spain it smells like hot stone and oranges.” Sie versteht, was ich meine. Vom Haus her hören wir die anderen beiden, Jude und Ava, auf uns zurennen. Gegenseitig schubsen sie sich auf das Trampolin und fangen energisch an auf und ab zu springen. Avas Rock fliegt jedes Mal nach oben und ich sehe ihre knallige, beerige Unterhose. Sie legt sich in meinen anderen Arm, ganz warm vom vielen Hüpfen. Jude torkelt schwindelig herum und lässt sich schließlich quer über uns fallen. “Jude!”, japsen wir gleichzeitig auf und schieben ihn herunter. Die Wolken hängen mittlerweile schon sehr viel tiefer. “Let’s go inside”, sage ich und befreie mich von dem Gemenge kleiner, verschwitzter Körper. “It’ll rain every minute now.” Nach meinen längeren Aufenhalten dort kann ich schon riechen, wann es anfangen wird zu regnen. Wir rennen barfuß über den Schotter zurück ins Haus, Jude habe ich halb unter dem Arm geklemmt, weil er nicht schnell genug barfuß laufen kann. Fast sind wir da, als schon der erste Tropfen auf unseren Nasen landen. England riecht nach Regen und frischem Gras. An der Küste salzig und nach dem rauen, kalten Fels, der hier überall in die See splittert. Es riecht wie eins von vielen, vielen kleinen Abenteuern, denen ich überall in meinem Leben begegnen werde.

Thomas und Takashi

“In Schermani ju kän koal from -ääääh- Darmstadt tu Frankfurt for -äh- ilewen sentz. To Amerika ju päi long distenz.” Belustigt blicke ich auf und sehe einen circa 60-Jährigen drahtigen Mann mit einem grün-gelb kartiertem Anzug (mit Fliege!), der sich stockend mit einem ergrauten Asiaten unterhält. “Yes, yes”, nickt der Asiate und zeigt auf zwei bauchige Wassertürme, an die der Zug vorbeirauscht: “And what it this?” Der drahtige Mann kratzt sich Zeit schindend an seinem grauen Kinn und klaubt sich dann was zusammen: “Sej arr samsing wis -äh- woter. Äh… tu kiep it. Äh, samsing wis woter.” Die beiden kennen sich schon jahrzehnte lang.

Vor meinem Auge werden sie wieder jung, der drahtige Mann ist groß und schlacksig mit rotblondem Haar. Der Asiate verliert seine Lachfältchen und hat wieder dunkles, volles Haar. Der Deutsche heißt Thomas, wobei er sich Thomasch ausspricht, wie er es von einem Freund übernommen hat. Er steht am Bahnhof Yokohama und durchsucht verzweifelt mit den Augen die vorbeitreibende Menschenmasse. Alle sehen für ihn gleich aus! Sein Freund aus der Uni hatte ihm ein Bild von Takashi geschickt, aber dennoch kann er ihn nicht erkennen. Er hatte sich geirrt, er ist an seine Grenzen gestoßen. Ganz alleine wollte er durch Asien reisen, und gleich im ersten Land scheitert er daran, dass er den asiatischen Freund seines Studienkollegen nicht erkennen kann. Er wird durch Yokohama irren, schließlich aus Verzweiflung sich ein teures Hotelzimmer nehmen und am nächsten Morgen ein Ticket zurück zum Flughafen buchen. Thomas seufzt tief und hört auf zu suchen. Gerade als er seinen Blick von der Menschenmasse abwendet, sieht er noch aus den Augenwinkeln ein großes Schild mit europäischer Schrift: Thomasch Beck. Takashi trägt eine dicke Brille und in der Hand hält er ein Bento, eine japanische Lunchbox. Er hält es ihm hin und darin sind zwei länglich geschnittene Schnitzel, die mit Algenblätterstreifen als Pandabären verkleidet sind. Er hatte etwas heimatliches für seinen Gast machen wollen. Nach zwei Monaten fliegt Thomas wieder nach Deutschland und er redet von nichts anderem mehr als seine neue Liebe: Japan. Heike trennt sich von ihm aus Eifersucht. Takashi und er halten Kontakt, noch per Post und mit Telegrammen, aber erst nach fünf Jahren fliegt Thomas wieder hin. Über die Jahrzehnte hinweg sitzt er acht Mal in dem Zug vom Flughafen Frankfurt zum Bahnhof von Yokohama und freut sich mit leuchtenden Augen wie ein Kind auf das Wiedersehen mit seinem besten Freund. Sie wandern im Urlaub gemeinsam den Fuji entlang, dem höchsten Berg Japans. Thomas rettet Takashi, als dieser fast von einem Elefantenbullen niedergetrammpelt wird. Eines Morgens wachen sie in einem fremden, leeren Haus in Tokio auf und wissen nicht mehr, als dass Thomas anscheinend fast 30 Tausend Yen ausgegeben hat. Aber nie besucht Takashi ihn in Deutschland.

Bis jetzt.

Vor meinen Augen altern beide wieder um vierzig Jahre und landen hier im Zug zwei Sitzreihen von mir entfernt. “Wat du ju wont tu iet tuneit?”, fragt Thomas und fingert mit seinen langen Fingern am Reißverschluss seiner Jacke herum . Takashi grinst: “What about Schnitzel, Thomasch?” Dieser grinst ebenfalls breit und sagt schmunzelnd: “Wattewa ju wont, mei old frend. Schnitzel it iss!”

Das sind Bernd und Simone

Simone sitzt mir gegenüber und bemerkt mich nicht. Bewegungslos schaut sie aus dem Fenster, ohne wirklich den Bahnsteig zu sehen. Sie sieht müde und einsam aus. Bernd schwingt sich neben sie auf den Sitz, ich erschrecke mich sogar ein bisschen. Er zieht sie an ihrem Arm zu sich, aber sie stemmt sich dagegen. Er sagt etwas zwischen den Zähnen hervorgepresstes, sie sagt: “Lass mich”, und streift seine Hand ab, die aber sofort wieder da ist. “Lass mich!”, sagt sie noch einmal, aber er ignoriert sie. Ihre Augen greifen ihn wütend an, aber sie verlieren. Tränen sammeln sich in ihnen und peinlich wendet sie sich von Bernd weg, aber auch von mir. Betreten schaue ich mir meine Schuhspitzen an, sie tut mir Leid. Bernd versucht weiterhin sie zu ihm zu ziehen, aufdringlich drückt er sie an sich. “Lass mich!”, flüstert sie noch einmal, aber sie hat schon aufgegeben. Weinend sitzt sie da, seine Arme um sich geschlungen und er redet auf sie ein, aber ihr Gesicht ist von ihm weggedreht. Ich krame aus meiner Tasche ein Päckchen Taschentücher hervor und strecke ihr eins entgegen. Fast habe ich Angst, dass sie es mir aus der Hand schlägt. Wütend, weil ich mich einmische. Aber sie lächelt kurz und nimmt es entgegen. “Danke”, sagt sie ohne mich anzugucken. Bernd sieht mich gar nicht und drängt sich ihr weiter auf. Simone drückt sich das Taschentuch gegen Augen und Nase. Sie sieht traurig und einsam aus.

Ich suche mir nicht aus, wie es mit Bernd und Simone weitergeht. Täglich sehe ich so viele Paare, wartend, streitend, knutschend, und nur manchmal denke ich: Das sind Bernd und Simone. Als ich anfing, über sie zu schreiben, wusste ich, dass ich irgendwann mal einen Abschluss ihrer Geschichte finden würde. Eine tattrige Frau und ein tief gebeugter, alter Mann, die  sich still liebend nebeneinander sitzen. Oder Simone mit einen dicken Bauch und Bernd wie er sich über ihn beugt: “Pass auf, Mama ist hysterisch, das darfst du nicht übernehmen!” Und sie gibt ihm einen empörten Klapps auf den Hinterkopf. Wie gesagt, ich suche es mir nicht aus. Mit zusammen gepressten Mund stehe ich auf und gehe den Gang entlang. Weg von ihnen, mich fragend, ob ich sie noch einmal wiedersehen werde. Mein restliches Taschentuchpäckchen auf dem Sitz zurücklassend.

(Lautes Räuspern, zur Not mit der Gabel an das Glas hämmern) Jeder kann schreiben. Hieß es mal irgendwo. Äh… Nein. Schwachsinn. Aber eine, die hat es, das ultimative Gen zum Schreiben! Sie studiert mit mir, ist kreativ und gnadenlos, und ist mir nie böse, obwohl ich ständig nachgucken muss, wie ihr Nachname geschrieben wird. Das Talent der Hamburgerin explodiert regelmäßig auf ihrem eigenen Blog, aber heute mal bei mir. Als ich sie in einem Seminar fragte, ob sie Lust habe, etwas für mich zu schreiben, schaute sie mich argwöhnisch mit ihren bestechend grünen Augen unter einem dicken Eyelinerstrich an und fragte, ob ich zu viel Kaffee getrunken habe. Nein, hatte ich nicht. Ehrlich nicht! Also wird das der erste Gastbeitrag in der Geschichte von catch the train if you can. Hier ist… Judyta Smykowski! (wilder Applaus)

Foto von Daniela Sawetzki

Schön, dass es euch gibt, liebe Bahnmitarbeiter

Ihr steckt in blauen Hosen und blauen, regenresistenten Jacken, deren Ärmel meistens viel zu lang sind. Ihr habt knallrote Baskenmützen auf dem Kopf. Kleidung, die ihr privat nie tragen würdet. Ihr sagt Sätze wie: „Die 59 kommt mit ein paar Minuten Verspätung an.“ Und meint damit die Regionalbahn. Besonders ihr weiblichen Exemplare habt Alleinstellungsmerkmale. Meist seid ihr klein und habt viel zu große, marinefarbene DB-Jacken an. Eure Erscheinung wir durch ein viel zu grobes, riesiges Funkgerät in euren zierlichen Händen komplettiert. Eure Durchsagen sind höflich und folgen einem strikten Betonungsmuster. Meist sind sie dann doch von zu langen Pausen durchzogen. Die Abschlussphrase am Ende jeder Reise habt ihr gottseidank von trävelink zu tschuuusing geändert. Euer Kundenumgang hat eine Bandbreite von aufgesetzt freundlich bis grausam zickig und abweisend. Die Ticketprüfgeräte sind stets einen Tick zu groß für die Gesäßtasche. In der 1.Klasse fragt ihr aber leider stets einmal zu oft nach, ob man nicht eine Zeitung oder ein Snack wolle. Und mit dem Kaffeetablett wird sich jedes Mal einmal zu oft durch die Abteile gezwängt, bis die heiße Brühe den grauen Boden verziert. Seid ihr Verkaufsroboter? Vielleicht. Ein bisschen. Besonders an der Telefonhotline. Für jeden einzelnen von euch ist es nicht der langersehnte Umzug in die neue Stadt, der Besuch bei einer Freundin, die man viel zu lange nicht mehr gesehen hat oder die Heimfahrt zu Weihnachten. Bei euch lautet es: Abfahrt- Uhrzeit- Ankunft- Bezahlung. Doch ohne euch marineblaue und rotbefleckten Menschen auf den Bahnhöfen und in den Zügen würde etwas fehlen. Der Auskunft-erfragen-ohne-Zickerei-oder-Missverständnis-mit-Höflichkeitsfloskeln-Parkour zum Beispiel. Vielen Dank liebe DB-Mitarbeiter, dass ihr so seid wie ihr seid und dass ihr das Sozialverhalten eurer Kunden schult!

“Südafrika!” Und ihre Augen sehen jetzt schon das fremde Land vor sich. Meine auch. “Nimm mich mit!”, schreie ich in meinem Kopf. Hat sich schon mal tatsächlich jemand in einen Koffer gezwängt, um mitreisen zu können? Wie oft hat das wohl schon geklappt? Alina Steinhoff, meine liebe Kommilitonin, braucht sich nicht als blinder Passagier an Board zu schleichen, sie hat ein Ticket und sie wird fliegen. Nach Südafrika. Ich seufze laut. Vor Neid und vor Sehnsucht. Sie seufzt auch, und als sie weg ist, seufze ich jeden Tag ein bisschen. “Bring mir was mit”, hatte ich gesagt und Alina nickte eifrig. Ich könnte ihr nachreisen. Eine Brücke runterspringen, mich an einem Zug festhalten und in Kapstadt bei Nacht wieder runterklettern. Okay, von Gibralter kommt man nicht mehr weiter. Aber für was gibt es Boote! Ein paar Tage später steht Alina wieder da und ich stelle sie mir vor, wie sie mit großen Augen und einem lauten Herz jeden Hügel des Landes aufsaugt. Sie streckt mir eine gigantische Muschel entgegen, in eine Gefriertüte verpackt. “Gegen den Gestank”, erklärt sie mir, “du wolltest doch was mitgebracht haben. “Ja!”, rufe ich fassungslos auf und der Dozent vorne schaut irritiert in meine Richtung. Ich flüstere leise weiter: “Aber ich dachte, du bringst irgendwas mit. Ein popeliger Stein, ein Blatt, ein Staubkorn… Aber das ist wunderschön!” Sie ist so groß wie meine Hand und innen leuchtet sie mich perlmutfarben an. Bedächtig hole ich sie heraus und ein fischiger, salziger Geruch kommt mir entgegen. Eigentlich fast schon widerlich, aber ich schnuppere entzückt daran: “Es riecht noch nach Meer!” Während ich noch weiter meine Nase an sie presse, erzählt mir Alina, wo sie sie her hat: “Wir sind riesige Felsen runtergeklettert, weil da ganz viele davon lagen.” Glücklich hauche ich: “Sie ist wunderschön!” und ich tippe jeden meiner Kommilitonen vor mir an und zeige sie ihnen stolz. “Und…?”, bringe ich schließlich hervor, und weil ich zu überwältigt zum Fragen bin, seufze ich wieder nur. “Ja”, sagt Alina und auch sie bringt nicht mehr heraus als einen strahlenden Seufzer.

Der Moment in der Glasscheibe

“Der Weg ist das Ziel!” – wer diesen Satz gesagt hat, ist wohl nie in seinem Leben Bus gefahren. In einen Bus passen 100 bis 150 Menschen, so lange die Türen noch schließen, wird also keine Rücksicht auf Vorlieben genommen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als meinen Sitznachbarn beim Kauen zuzuschauen. Ich darf bestimmt auch nicht zwei besonders geschwätzigen Weibern zurufen: „Es interessiert mich nicht die Bohne, was der Typ gesagt hat und was du darauf gesagt hast und was er daraufhin wieder gesagt hat!“ Mir bleibt keine Wahl als zu riechen, dass die eine Frau neben mir ein aufdringliches Männershampoo benutzt und eine andere gar keins. Im Bus herrschen eigene Regeln.

Missmutig stehe ich also am späten Morgen an der Haltestelle und warte auf den Bus. Als er kommt, natürlich einige Minuten zu spät, hole ich resignierend tief Luft und stackse die Stufe hoch. Ich schwinge mich auf den Sitz direkt vor dem Fahrer, lehne meinen Kopf an die Fensterscheibe und schließe die Augen. Der Bus fährt an und ich lasse die Fahrt ergeben über mich ergehen. Ich stelle mich schlafend und versuche mich auf meine Musik im Ohr zu konzentrieren. Auf dieser Fahrt gibt es einen Moment, in dem der Bus Darmstadt verlässt und einige Minuten ohne Zwischenstopp die Landstraße entlang pest. Genau dann öffne ich wieder die Augen, eigentlich eher aus Versehen. Zwischen mir und dem Fahrer ist eine schwarze Glasscheibe und durch die grelle Herbstsonne spiegelt sie den ganzen Bus hinter mir. Keiner isst, schwatzt oder popelt in der Nase. Jeder sitzt ruhig da, schaut aus dem Fenster, stellt sich schlafend, wartet auf seine Haltestelle. Fasziniert schaue ich zu, wie jeder für sich und wir alle zusammen die Straße ohne Halt entlang pesen.  Gemütlich lehne ich mich wieder an die Fensterscheibe und stelle befriedigt fest, dass es gar nicht so schlimm ist, das Busfahren. Ich stelle mich nicht mehr schlafend, ich beobachte lächelnd meine Gleichgesinnten, wie sie die ruhigen Minuten im Bus vor dem hektischen Morgen genießen.

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