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Das Karottenmädchen

Meine Freundin Xu Nguyen redet mit jedem. Sie sagt: “Hey, du wirkst interessant”, wenn ein unbekannter Mensch an einer Haltestelle es ihr angetan hat. Xu lernt Leute in der Post kennen, sie hat Fotos von Unbekannten an ihrer Wand hängen, “weil sie was hatten”. Und diese Menschen freuen sich über das Kompliment, finden sie verrückt und genial, und manchmal vielleicht auch nur verrückt. “Aber sollte man nicht viel mehr so sein?” Weiterlesen »

Die eine diese jene Nacht

Ich möchte auf den Straßenbahnschienen tanzen, die Laterne umarmen und ich glaube, das wird die Nacht. Wir laufen an der Haltestelle vorbei, die Nacht ist warm genug. Zwei Stunden später sitze ich genau an dieser Haltestelle, warte auf die Bahn und bin davon gefrustet, dass es absolut nicht die Nacht ist. Neben mir wird geredet, weshalb es nun nicht die Nacht war, was überhaupt die Nacht ausmacht und die Nacht die Nacht die Nacht die Nacht. Ich rede nicht, gefrustet rede ich nicht. Ich fruste in mich hinein. Stattdessen blende ich das Gerede aus und starre auf die Bahnschienen, die wir vor kurzem noch lachend überquert hatten. Neben mir sitzt ein junger Mann mit wasserfester Weste und grault seinen Hund, dieser lässt genüsslich seine Zunge aus seinem Maul hängen. Neidisch schaue ich zu, wie er sich fest gegen die Hand drückt. Er blinzelt mir zu, er braucht nicht die Nacht. Sein stumpfes Fell hat die Farbe von Karamell, sein eines Auge tränt und ist entzündet. Trotzdem ist er der glücklichste Hund und neben ihm sitzend bin ich plötzlich das glücklichste Mädchen. Während der Bahnfahrt lasse ich ihn nicht aus den Augen und beim Aussteigen sage ich im Stillen “Auf Wiedersehen”. Er blinzelt mir zu und ich stolpere in die Nacht hinaus.

“Du hast nicht wirklich die Tickets liegen lassen?”, wird durch den Zug gebrüllt und ich schrecke hoch. Gerade noch war ich im wilden Finale meines Buches vertieft, jetzt versuche ich das Gebrüll zuzuordnen. Wenige Meter weiter entdecke ich eine Gruppe von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern (Ein so einfaches Wort und so viele komplizierte Bindestriche). Einer von ihnen hat die Kapuze unten und ich erkenne einen türkischen jungen Mann. Zumindest vermute ich, dass er türkisch ist. Da alle jetzt anfangen wütend durcheinander zu brüllen und die ganze Diskussion im Chaos versinkt, kann ich unmöglich sagen, um was es tatsächlich geht. Weiterlesen »

“Setz dich doch neben mich”, sage ich und du lehnst dankend ab. Du hättest es auf meiner Hand viel gemütlicher und generell und sowieso. Du willst für immer auf ihr sitzen bleiben. Weiterlesen »

Es gibt eine Sache, die ich mir für mein ganzes Leben vorgenommen habe: Egal, wobei ich bin, ich werde mir immer die Zeit nehmen, um die Schnellstraße zu verlassen und kleine Seitenwege zu nehmen. Im Auto, zu Fuß, im Leben. Also wähle ich wahllos eine Abzweigung und kaum bin ich weg von der schnellen Straße, erstreckt sich mir eine gerade Straße durch nasse Hügel. Kaum drei Kilometer weiter, halte ich kurzentschlossen mitten auf der Straße an, ich kann weit nach hinten sehen, dass kein Auto kommt. Vor mir ist das Meer. Es ist immer noch stürmig und ich sehe die Wellen zwischen den Hügeln heranpreschen. Ich parke mein Auto an der Seite und muss feststellen, dass es keinen Weg zum Meer gibt. Niedrige und hohe Büsche wachsen mir ins Gesicht, aber ich sehe es nicht ein aufzugeben. Vergessen ist der gestrige Unmut, ich verfluche nicht mehr die Abenteurerin in mir, jetzt bejubele ich sie wieder. Ich zücke mein symbolisches Schwer und marschiere los, mittenrein. Kaum habe ich die Büsche betreten, befinde ich mich in einem Labyrinth und irre umher und ich liebe es, denn manchmal kann Herumirren das schönste im Leben sein. Endlich beim Meer angelangt stehe ich verfroren, aber glücklich weit genug entfernt stehen, denn ich traue mich nicht näher hin. Es tobt und leckt sich die Lippen nach mir. Der Sand ist grob und zerklüftet, zerteilt mit großen, flachen Steinen und Seetanghäufchen. Langsam komme ich doch näher, wozu bin ich sonst hier, und ich meine Schritte machen schmatzende Geräusche. Links und rechts von mir entdecke ich zu meiner Freude in der Ferne jeweils eine kleine, für Schweden typisch rote Hütte. Ich bin ganz allein hier, wer sollte auch bei so einem nassen Wind nach draußen kommen.

Wieder auf der Straße begleitet mich ein Schwarm Gänse für eine Weile. Sie fliegen über mir im blau aufreißendem Himmel, bis ich schließlich den Weg in den Norden einschlage und sie mich mit der Straße alleine lassen. Das Schwede, dass ich kennenlerne, ist hügelig und dazwischen sammeln sich größere und kleinere Pfützen von Regenwasser, vielleicht sind es auch schon Seen. Auf geraden Wegen komme ich schließlich an vereinzelten Häusern vorbei und ich merke, wie hungrig und einsam ich gerade bin. Ich brauche etwas zu Essen und ein menschliches Gesicht, allerdings habe ich eine Stunde später immer noch nichts gefunden, was bewohnt aussieht. Endlich sehe ich ein kleines Schild: “Pizza”, aber ich bin mir unser. Es steht vor etwas, was aussieht wie eine Scheune. Es wird duster und still, daher stehe ich länger vor der angeblichen Pizzaria, weil ich mich nicht hineintraue. Mein Hunger und meine Neugierde überwiegen und ich öffne vorsichtig die schwere, alte Holztür: Eine Pizzaria! Ich atme auf, als ich einen schwedischen Italiener vor einem billigen, mit Lichterketten geschmückten Thresen sehe. Er strahlt mich an, nach meinen Einschätzungen muss ich der erste Kunde seit Wochen sein (wahrscheinlich nicht). Er sagt etwas Schwedisches, ich versuche es auf Englisch, aber ernte nur einen verwirrten Gesichtsausdruck. “English?”, fragt er und dann: “No English.” – “Oh.” Ich schweige einen Moment verzweifelt, aber versuche es dann, indem ich einen runden Kreis mit meinen Händen auf den Thresen male: “Pizza?” Er strahlt wieder und malt meinen Kreis in der Luft nach: “Pizza, Pizza!” Ich schaffe es sogar noch, einen Tee zu bestellen – ich lasse mich von der Sorte überraschen, denn das würde zu kompliziert werden – und lasse mich müde, aber glücklich auf einen Stuhl fallen. Warm ist es in der kleinen Hütte leider nicht. Als der Tee kommt, trinke ich den stärksten Schwarztee meines Lebens, die Pizza ist nicht lecker, aber sie macht satt. Der schwedische Italiener kann doch etwas Englisch und betreibt die ganze Zeit etwas Konversation: “Where from?” Nach ein bisschen Kauen antworte ich: “Germany” und bemerke, dass er mich nicht versteht. “Deutschland!”, versuche ich es deshalb und obwohl er mit einem “Ah” antwortet, versteht er mich wohl immer noch nicht. Am Ende bekomme ich den Tee aufs Haus und fahre mit einem Bauch voller Pizza weiter bis nach Helsingborg. Hier will ich übernachten und zwar diese Nacht im Auto. Ich glühe vor Aufregung. Von der Stadt sehe ich in der Dunkelheit und im Regen nicht viel, daher verschiebe ich die Besichtigung auf den nächsten Tag und suche mir unweit des Hafens einen ruhigen Parkplatz. Nur das Straßenschild kann ich natürlich nicht verstehen, daher gehe ich in den nächsten Buchladen, um nachzufragen. In Schweden habe ich schnell gelernt, um Hilfe zu fragen. Ein hübscher Blonder rennt also extra raus, um das Schild für mich zu übersetzen und erklärt mir dann, dass man die ganze Nacht bis neun dort ohne Parkschein stehen kann. Dazu bekomme ich noch jede Menge Helsingborg-Tipps, eine Wegbeschreibung zum nächsten Kino; er erhält zum Dank mein breitestes Lächeln und ein paar “Thank yous”. In einer Bar voller blonder Menschen trinke ich einen undefinierbaren, aber leckeren Tee (ich habe mit Absicht einen mit unbekannten Namen gewählt, den ich aber leider sofort wieder vergessen habe), im Kino sehe ich einen schlechten Film auf Englisch und ich entdecke eine Burg, auf deren Spitze ich mich vollregnen lasse. Schließlich krieche ich zurück ins Auto, schließe ab, ziehe mich mit warmen Sachen an und verschwinde bis zum Haaransatz in meinem Schlafsack. Nur einen Atemzug lang realisiere ich noch, wie schön dieser Tag war, dann bin ich schon eingeschlafen.

Sag mal, Hanna, bist du eigentlich bescheuert, dass du so gerne Bahn fährst? Weiterlesen »

Ohne Bett in Malmö

Was zuvor geschah: Hanna wacht auf und denkt sich “Ich fahr nach Schweden!”, Hanna macht einen Zwischenstopp in Hamburg, Hanna durchquert Dänemark, fährt über eine tolle Mautbrücke nach Schweden.  Weiterlesen »

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