Rumis Schatten

Licht ist das wichtigste Stilmittel in Videos. Filme können an einem sommerlichsten Tag gedreht werden und trotzdem bedrohlich sein. Sie sorgen dafür, dass sich deine Körperhaare aufstellen, es beginnt knapp hinter dem Handgelenk, fließt über die Schulter und den Rücken hinab. Du fühlst dich in deinen eigenen Räumlichkeiten nicht mehr sicher, ein Windhauch am großen Zeh versetzt dich in Todesangst. Es ist das flache Licht, der Sommer wirkt plötzlich kühl und am wichtigsten sind die Schatten. Wer das Licht kennt, sieht die wahren Schatten. Deshalb beginnen so viele Horrorfilme mit einem Sommertag. Weiterlesen

Die Worte, die durch meine Adern fließen

Words everywhereWörter sind immer da, sie verlassen mich nicht. Sie haben auf alles eine Antwort, sie sind stark, sie können die kältesten Menschen umarmen. Sie sind mein Ticket für die Freiheit, wenn ich im tiefsten Verließ gefangen gehalten werde. Sie sind immer da, sie pulsieren unter meiner Haut. Kaum sichtbare Wörter tummeln sich dort, mächtige Wortgewalten paaren sich, Satzfragmente huschen durch meine Adern, ganze Buchreihen flüstern mir ins Ohr. So laut sie sind, so laut bin ich, so verängstigt sie sind, so bin ich es auch. Sie sind ich, ich bin nichts ohne sie. Weiterlesen

Bloggerparade von Clue Writing: Verrückte Augen

Seine Lider zucken und er hält den Kopf gesenkt, ohne seine Umgebung aus den Augen zu lassen. Was ist mit dem los? Wahrscheinlich auch so eine kranke Paranoia, alle Typen haben Paranoia. Vor der Bindung zu Frauen besonders, vor Tumoren im Gehirn, vor Hundekacke auf dem Gehweg.
„Bist du nervös?“, fragt sie und erwidert auf seinen fragenden Blick mit den dicken Augenringen: „Du spielst an deinem Bart herum.“
„Ich mag, wie es klingt“, sagt er und ihr gefällt sein patziger Ton. Er nimmt ihren Arm am Handgelenk und sie muss ihre Kette loslassen, mit der sie gespielt hatte. Er legt ihre Finger auf seine Wange und fährt mit ihnen hinunter bis zum Kinn. Der Bart gibt einen knisternden Widerstand. Sein Mund zuckt verlegen, als er sie los lässt.
„Nein, es klingt wirklich toll“, sagt sie und es ist die Wahrheit. Sie stand schon auf ihn, als er sich setzte und ihr eine winzige Sekunde mit verrückten Augen ansah. Dieser verhuschte Moment hatte ihre Ohren glühen lassen und sie hatte schnell nach ihrer Kette gegriffen, um ihre Nervosität zu überspielen. Jetzt schaut er sie länger an und sie glaubt, ein Lächeln zu sehen. Ein Auto fährt vorbei und er duckt sich noch ein wenig mehr. Weiterlesen

10 WÖRTER, EINE GESCHICHTE*

Eine haarige, kleine Spinne krabbelte über seinen Fuß, er wackelte mit den Zehen. Die Spinne blieb stehen und verweilte. Fast schien es ihm, als würde sie ihn angucken, mit ihm sprechen. Doch er halluzinierte viel seit einigen Tagen, er war daran gewöhnt. Wären seine Hände nicht auf dem Rücken zusammengebunden, könnte er das Spinnentier einfach vorsichtig in die Hand nehmen oder beiseite schupsen. Dieses lief nun seine Fußsohle hoch. Er kicherte.

„Was ist?“, unterbrach der dicke Mann, der vor ihm mit einem Buch im Schneidersitz saß, sein lautes Lesen. Zum dritten Mal hatte er dieses Buch schon angefangen. Er las gerne, außerdem wollte er den Gefangenen etwas aufheitern. Es war ein Werk von Anthony Hopkins, andere Bücher gab es auf dem Schiff nicht. Weiterlesen

10 WÖRTER, EINE GESCHICHTE*

„Wunder können dir helfen, das Leben zu genießen“, sagte er und goss sich etwas aus einer fancy Flasche ein. „Was ist das?“, fragte ich und zeigte auf das durchgestylte Getränk. „Bier.“ Und dann erläuterte er, weshalb dieses Bier besonders toll sei. Recycelt, ohne Genmanipulation, vegan, heilig gesprochen und all so etwas. Mir war kalt und hatte keine Lust mehr die Welt von diesem Naseweis erklärt zu bekommen. „Mir ist kalt“, sagte ich und meinte: „Ich will rein.“ Er stellte sich taub, er nimmt immer alles wörtlich. Er findet es blöd, nicht zu sagen, was man will. „Wie kannst du das, was du willst, ungesagt in deinen Worte implizieren und darauf vertrauen, dass andere es verstehen?“ Auch jetzt folgte er seinen Prinzipien: „Es ist Sommer!“ – „Spätsommer“, schwächte ich seine Aussage ab. Weiterlesen

#100happy days – Tag X: Wann man mittags einen Schnaps trinken sollte

IMAG1155Wir sitzen im Künstler-Café Herman Schulz und No. und ich sprechen über Männer. Ich arbeite dort als Freiwillige, aber gerade bin ich privat am Kaffeetrinken. Th. und An. kommen herein und große Umarmungen folgen. „Du hast aber viel Energie“, sagt Th. „An. hat dir auch schon auf den Hintern gestarrt“, sagt Ti., ein weiterer im Café, der schon zum Inventar gehört. An. verteidigt sich: „Ich habe dich gemustert! Nicht gestarrt! Ich habe mich gefragt, ob du dich für heute Abend schon schick gemacht hast.“ Ich bin tatsächlich an diesem Tag extrem gutaussehend, daher strahle ich und freue mich, dass mein Werk geglückt ist: „Ich brauchte das, da ich die letzten Tage immer so grottig* aussah.“

Im Hintergrund wird Schnaps vorbereitet. Es ist Mittag. Dieses Café kennt keine Regeln, denke ich. No. hüpft um den Tresen herum und alle anderen freuen sich mit. An. winkt mich heran, es gibt etwas zu feiern und ich muss / darf mit Schnaps trinken. Alle stehen im Kreis um das Tablett mit den Schnapsgläsern herum: An., Ti., No. und all die anderen Abkürzungen. Feierlich heben wir das Glas in die Luft.  Ti. redet viel, seine Lippen schließen sich nur für einzelne Buchstaben. No. grinst mir zu, ja ja, Ti., der Quatschkopf. Wir exen, es schmeckt wohlig warm. „43er-Likör mit Kaffee“, erklärt Th.

Es wird ruhig, wir verschwinden in verschiedene Richtungen. No., die extravagante Köchin des Hauses, geht einkaufen, die anderen gehen ins Büro. Ich schreibe, trinke Milchkaffee und schmunzle in mich hinein. In Offenbach hatte ich krampfhaft versucht mir ein Zuhause zu schaffen, endlich bleiben zu lernen. In Berlin ist es einfach passiert, ich bin Zuhause. Auch im Herman Schulz.

*Ein Wort, das nicht zu existieren scheint. In meiner Welt bedeutet es so viel wie gammelig, zerstört, nicht zurecht gemacht, ungepflegt. Übrigens steht es tatsächlich im Duden als Synonym für sehr schlecht.

Foto von Johanna Kindermann: Eine Ecke im Herman Schulz