Der unkonventionelle Mann

Das letzte Mal schrieb ich über das Zugfahren: „Ich liebe es.“ Ich muss mich korrigieren: Ich hasse es! Züge kommen nie pünktlich, nur wenn man spät dran ist und draußen Minusgrade einen daran erinnern, wie viel schöner es im Bett war. Mir ging es besser, als ich mich endlich auf einen Sitz fallen lies. Fast bekam ich gute Laune, als ich feststellte, dass ich die einzige im Abteil war, als sich ein Mann mir gegenüber setzte. Nicht nur in Hörweite oder sogar Sichtweite, er saß direkt mir gegenüber in einem sonst leeren Zug. Starrte er mich an? Ich war mir unsicher, vielleicht schaute er auch nirgends hin und blickte nur zufällig in meine Richtung. Es ist eine ungeschriebene Regel, sich, wenn möglich, weit genug weg zu setzen. Vielleicht war der Mann alt und hatte sich nur auf den nächstbesten Sitz fallen lassen? Ich lukte zu ihm rüber, aber er sah weder zu alt noch zu schwach zu sein, um meine Privatsphäre nicht respektieren zu müssen. Aus irgendeinem Grund traute ich mich nicht, ihn direkt anzuschauen, als würde ich damit zugeben, dass er mich störte. Also konnte ich nur versuchen aus den Augenwinkeln herauszufinden, ob er starrte. Vielleicht war er einer dieser Menschen, die ständig dringend Gesellschaft suchen. Er sah aber nicht so aus, als wolle er mit mir reden. Eigentlich sah er einfach aus, als sei ich nicht da und er warte auf seinen Zielort. Vielleicht war er blind? Nachdem ich mir die ganze Zeit den Kopf zerbrochen und mich dabei angestrengt hatte, so auszusehen, als beobachte ich die nasse Landschaft draußen statt ihn, musste ich umsteigen. Als ich am Bahnhof oben an der Treppe stand, sah ich ihn am Bahngleis stehen, neben einem Pärchen von 40 Jahren, obwohl das Gleis ansonsten genügend Platz bot, um für sich alleine zu sein. Vielleicht interessierte er sich auch einfach nicht für Konventionen und zwang jeden dazu, darum zu beten, wenn er etwas möchte. Ich wachte aus meinem Gedankenuniversum auf und beeilte mich, zum Anschlusszug zu kommen. Ich hatte ihn nicht darum gefragt, woanders zu sitzen, noch war ich weggegangen, ich hatte es einfach ausgesessen. Jeder ist doch für sich selbst verantwortlich. Inwieweit gibt man auf andere acht, inwieweit überlässt man sie ihnen selbst?

 

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