Von Am-Arsch-der-Welt nach Frankfurt in vier Stunden

Als mir im Ort Am-Arsch-der-Welt ein Fahrradfahrer zurief: „Sie wissen, dass der Zug erst mal nicht kommt? Es hat einen Unfall gegeben, ein Auto liegt auf den Schienen“, setzte ich mich in ein Café und trank einen Tee. Der nächste Zug sollte planmäßig eine Stunde später fahren und der Fahrradfahrer meinte noch, dass die Räumung wohl höchstens eine halbe bis dreiviertel Stunde dauern würde. Der Tee war schlecht, aber die Sonne war schön, ich war zuversichtlich. Bis ich wieder am Gleis stand und die Schranken erst erwartungsvoll runter und dann wieder ergebnislos hochschnellten . Ein Mädchen mit platinblonden Haaren wartete mit mir. Um ehrlich zu sein hat mich ihr Name nie interessiert, man entwickelt ein gewisses Desinteresse an den Eckdaten seiner Mitreisenden, daher nenne ich sie Blond. Ein Ersatzbus kutschierte uns schließlich zum nächsten Bahnhof auf der Strecke. Der Busfahrer kannte sich nicht aus, Blond zeigte ihm den Weg, denn sie kam aus Am-Arsch-der-Welt. Die Bewohner von dort standen alle gaffend am Fenster, vielleicht war ein Bus in ihrem Dorf etwas Seltenes. Um es kurz zu machen: Am nächsten Bahnhof fuhr der Zug ohne uns ab, wir kamen vier Minuten danach an. Wir standen eine weitere Stunde rum, diesmal in Wirklich-am-Arsch-der-Welt, hier war das Größte an Zivilisation ein Süßigkeitenautomat. Während ich an der Scheibe klebte und versuchte mich zwischen Schokoerdnüssen, Zwiebelringen, und nicht viel mehr zu entscheiden, telefonierte Blond mit ihrem Ex-Freund. „Ich glaube, ich komme nicht mehr… Ah ja, um neun wollte ich doch schon wieder zurück, das lohnt sich nicht mehr… Und dann bei dir schlafen, oder was?“ Ich wedelte panisch mit den Armen und Blond lehnte ab. Eine Stunde später empfing ich den Zug mit glücklichem Springen, verabschiedete mich von Blond und fuhr endlich weg. „Beachten Sie bitte, dass dieser Zug nicht weiter nach Hannas-Umsteigeort, sondern nach Wo-auch-immer fährt.“ Warum macht es die Bahn eigentlich so schwer etwas für die Umwelt tun zu wollen? Wütend wartete ich auf den nächsten Zug, ein Mitwartender schaute mich schief an, wahrscheinlich wirkte ich so, als wolle ich gleich auf den nächsten Fahrkartenautomaten einprügeln, mit glühenden Augen und rauchenden Ohren. Endlich in Frankfurt lachte mich ein Bus mit der Aufschrift Schienenersatzverkehr an. Nicht für mich, nicht für mich, nicht für mich, dachte ich. Er war für mich.

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