Der Mensch und sein Herz

Worte: Jeder Buchstabe öffnet die ganze Geschichte. Geschichten: Jede Szene zeigt dir ein Stück des Menschen. Menschen: Jedes Leid zeigt dir, wie sehr auch du leiden kannst. Es sollte nicht so sein, dass man so sehr mitfühlen kann, wenn Menschen zeigen, wie übervoll ihr Herz ist.  Mir gegenüber sitzt eine Frau und ich kann sagen, dass sie froh wäre, wenn ich nicht da wäre. Sie weint. Ihr Gesicht ist zum Fenster gedreht, ihr Schluchzen ist in ein Taschentuch gepresst, damit ich nicht sehe und höre, dass sie weint. Ich halte mir ein Buch vor das Gesicht, um ihr die Illusion zu geben, ich sei nicht anwesend, was ich aber tatsächlich selten so stark bin. Ich höre ihr stilles Weinen, wie Wellen rollt es über mich, und ich lese ohne zu lesen die ganze Seite zweihundert Mal. Warum ist es so, dass man so sehr mitfühlen kann, wenn Menschen zeigen, was in ihrem Herzen ist? Ich bin so sehr mit dem Lesen ohne zu lesen beschäftigt, dass ich zuerst nicht mitbekomme, dass die Wellen von lautlosem Schluchzen nachgelassen haben. Ich senke meine Fassade und sehe, wie die Frau zwar noch aus dem Fenster schaut (ohne zu schauen), mit dem Taschentuch in der Hand, aber sie lächelt. Sie lächelt. Ich gucke noch mal hin, aber, ja, sie lächelt. Sie schaut mich plötzlich an und das Lächeln ist immer noch da, obwohl ich sie sehr ungläubig und unhöflich anschaue. Schnell verstecke ich mich wieder und fange die selbe Seite noch mal an. Ich will nicht zu viel von meinem Herzen zeigen. Es sollte immer so sein, dass man so sehr mitfühlen kann, wenn man sieht, wie es in dem Herzen des Anderen aussieht.

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5 Gedanken zu “Der Mensch und sein Herz

  1. Ich finde „Der Mensch und sein Herz“ regt auf eine gewisse Art und Weise zum nachdenken an. Ich finde es wirklich sehr gut das du die Fragen stellst : „Wieso ist das so, wieso fühlen wir mit?“. Damit könnte man bestimmt eine schöne Diskussion anfangen, aber am Ende bin ich doch der Meinung, das man sich selbst diese Fragen am besten beantworten kann.

    Würde gerne mehr von „diese-Art-Text“ von dir lesen.

    1. Hallo „Leo ;p“, danke für deinen Kommentar. Wie ich das sehe, bist du mein erster Leser, den ich nicht kenne. Zumindest, der was kommentiert!
      Ich fände es eigentlich interessant, vor dein „am Ende“ zu springen und zu hören, warum man deiner Meinung nach mitfühlen.
      Ob noch mehr so Texte von mir kommen, weiß ich nicht, ich bin nicht immer moralisch; manchmal will ich auch nur, dass man gedanklich „entführt“ wird.

  2. Ich glaube, „Mitfühlen“ ist immer die Erinnerung an eigene erlebte Gefühle, an das Gefühl in einer Situation, in der man ebenso gehandelt hätte. Die Erinnerung an die eigene Trauer, in der man auch öffentlich geweint hat oder hätte…
    Mitfühlen braucht also Fühl-Erfahrung und Phantasie, denke ich.

    1. Und die Schlussfolgerung wäre ja, dass Menschen ohne Mitgefühl keine Fühl-Erfahrung haben… Darüber muss ich nachdenken, danke für den Denkanstoß ;-)

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