Da fährt ein Zug

„Guten Tag, mein Name ist Johanna Kindermann“, sage ich mit forschem Ton, den habe ich immer drauf, wenn ich etwas will, „und ich stehe hier in Dreieich-Buchschlag schon über eine Stunde und nach Frankfurt kommt kein Zug mehr.“ Freundlich, aber streng. Ich hab da schon den Dreh raus. Der Mann an der anderen Seite sieht das anders. Er räuspert sich ausgiebig: „Mh-Mh. Wo sind Sie?“ – „In Dreicheich-Buchschlag.“ – „Da fährt ein Zug.“ – „Nein, da fährt kein Zug.“

Dreieich-Buchschlag, kurz vor Mitternacht.  Am Bahnhof hat sich eine kleine Menschenmenge versammelt: Ein älteres Pärchen (Die Frau hält seit einer Stunde durchgehend die weiche Hand ihres Mannes, außerdem pupst sie); ein paar Kinder mit zirkusreifen Absätzen hatten darauf gehofft in Frankfurt in einen Club zu kommen; eine Gruppe Jugendliche werfen ihre Schuhe auf die Gleise und streiten, ob sie sich ein Taxi rufen sollen; und ich, schlotternd und mit dem letzten Akkustreifen telefonierend. „Wahrscheinlich haben Sie den letzten gerade erst verpasst“, hörte ich durch das Rauschen des Telefons. „Da hätten ungefähr drei Millionen Züge kommen sollen.“ – „Sicher nicht.“ – „Zwei“, gebe ich zu, „Zwei Züge hätten kommen sollen. Aber die kamen nicht.“ Die pupsende Frau macht mehrere Schritte rückwärts auf mich zu, ihr Mann wird mitgezogen. Versucht unauffällig schleiche ich mich zu den Jugendlichen. Eine von ihnen liegt auf dem Bahngleis und streckt ihren Körper ihrem weit entfernten Schuh entgegen. „Tut mir Leid, ich kann Ihnen nicht helfen“, lenkt mich der Bahn-Mann ab.  Er sitzt auf einem blauen Bürosessel – so einer, der sich ganz weit nach hinten biegen lässt- und auf seinen Knien liegt noch ein Rest von seinem Cheeseburger. Er hasst mich, weil er wegen mir darauf warten muss. Ich zeige kein Mitleid: „Ich will doch nur wissen, ob jetzt länger kein Zug kommt. Dann nehme ich ein Taxi.“ Das wahnsinnige Mädchen springt jetzt runter, ihren Schuhen hinterher. Ich will ihr etwas zurufen, ob sie bescheuert ist, aber ich werde wieder abgelenkt:  „Dann nehmen Sie sich ein Taxi.“ – „Sie sind das Hilfe-Center, also schauen Sie bitte in ihrem System nach, ob hier heute noch ein Zug fährt. Dei-eich-Buch-schlag. Dann komme ich hier weg und Sie zurück zu Ihrem Cheeseburger!“ – „Cheeseburger?“ Der versteht ja echt überhaupt keinen Spaß. In dem Moment sehe ich zwei runde Lichter näher kommen. Da fährt ein Zug. Das Mädchen ist noch dort unten.

Ihre Freunde fangen an zu brüllen: „Der Zug! Der Zug kommt!“ Und der Zug kommt. Mein Akku geht aus und nachdem der Zug dampfend zum Stehen kommt, ist es zu leise. Unbeweglichkeit fesselt ihre Freunde, mich auch. Dann klettert das Mädchen hoch, ganz vorne an der Spitze des Zuges. Sie hat keine Schramme, kein Blut, nicht mal einen Schreck, aber ihren Schuh. Den hält sie hoch über sich, wie eine Trophäe. Ihre Freunde brüllen wieder und tanzen dabei um sie herum. Ich sammle meine eigenen Scherben vom Boden auf, halte sie irgendwie zusammen, bis ich im Zug sitze und versuche sie wieder zusammenzusetzen. Atmen. Weiteratmen.

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3 Gedanken zu “Da fährt ein Zug

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