Der Geschmack von Kaffee

Diesen Geruch, den kenne ich: Staub, Plastik, Flugangst und trockene Luft. Vor mir ragen Sitze hervor, auch hinter mir türmen sie sich – wann hatte ich das bloß das letzte Mal? Ich schaue aus dem runden, zerkratzten Fenster und sehe nach. Nichts bekanntes. Doch, ich kenne alles. Aber nicht als Abbild aus meinem Kopf. Wieder lasse ich meinen Blick über die banalen Sitzreihen streifen. Ich schließe mich und meine Augen, ich fühle die Erinnerung, jemand sitzt neben mir und ich berühre die Schulter. Ein Gefühl steigt in mir auf, überschwemmt mich, frisst mich auf. Fast kann ich danach greifen, doch immer, wenn ich es versuche, rennt es mir davon. Ein neuer Geruch ist dabei, aber bevor ich ihn begreife, reißt mich eine Stewardess aus meiner Konzentration. Sie lächelt mich zu viel geschminkt und zu wenig geschlafen an. Ob ich was trinken möchte. Ich will Kaffee, schwarz, darüber muss ich nicht lange nachdenken. Sie reißt mich wieder heraus, um mir den heißen Becher zu geben: „Vorsicht, heiß.“ Ich nehme einen schnellen Schluck (und verbrenne mich dabei), verstaue mein Handgepäck, mache mein Handy aus, lege den Gurt an. Wieder schließe ich die Augen und versuche den Hauch zu fassen zu kriegen: Trockene Luft, Sitzreihen, fremde Gespräche, trockene Luft, Sitzreihen, fremde Gespräche. Das Flugzeug um mich herum steigt immer höher und dabei formt sich langsam die Gestalt rechts neben mir. Ich kann sie wieder riechen, wieder strecke ich die Hand nach der Schulter aus und neugierig versuche ich ihr dabei ins Gesicht zu sehen. Sie lächelt und sagt etwas, aber stattdessen höre ich das Knacken des Lautsprechers: „Guten Morgen, hier spricht Ihr Kapitän. Wir haben unsere Flughöhe von fast 10.000 Meter erreicht und haben perfektes Wetter.“ Ich reiße die Augen auf. Mein Herz klopft erschrocken. „Ich wünsche einen angenehmen Flug.“ Die verschwommene Gestalt neben mir  lächelt. Sie lacht mich aus, schreit mich an, zieht mich an sich, weint, redet wild mit den Händen, schmeckt nach Kaffee, denkt an mich, neckt mich, verflucht mich, beschützt mich. Sie lächelt und sagt etwas: „Das war mein höchster Kuss“, und ich lege meine Hand auf ihre Schulter. Obwohl ich den Geruch der Gestalt jetzt erkenne, sehe ich sie immer noch nicht klar. Zu viel Zeit liegt zwischen mir und ihrem Gesicht. Ich nehme den Rest der Erinnerung mit beiden Händen, zerknäule ihn, zerreiße ihn und schließlich spucke ich ihn in den tiefsten Abgrund, den ich in mir finden kann. Nachdem ich diesen mit breiten Brettern vernagelt habe, drinke ich meinen Kaffee in zu großen Schlücken leer. Statt auf die Sitze vor mir zu blicken, schaue ich hinaus und fühle, wie das Flugzeug in den Himmel hineinfliegt. Weiße Flecken strahlen auf dem Blau und ich beobachte, wie sie an mir vorbeischnellen. Der Himmel sieht wenigstens jeden Tag anders aus.

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2 Gedanken zu “Der Geschmack von Kaffee

  1. Verdammt Hanna, du wirst immer besser und ich komm nicht mal mehr hinterher. Du sagtest mal zu mir, dass dir irgendein Text philosophisch wäre und -bääääm- hat es dich eingeholt. Schneller als du reagieren konntest wahrscheinlich. Du schreibst wahnsinnig schön, so schön, dass ich mir ein Buch über deine Texte schreiben möchte und es in meinen Schrank stellen will, auf einen Platz, extra nur für dein Buch. Hören will ich die Geschichten am liebsten aus deinem Mund, damit ich nicht vergesse, dass es wirklich du bist, die mich mitnimmt…

    Mach weiter so.

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