Drei Minuten

„Ist der Platz noch frei?“ Unglücklich lächelnd sage ich: „Natürlich.“ Mit Ächzen hebe ich meine Tasche, gefüllt mit Steinen, und lege sie vorsichtig auf meinen Schoß. Unbequem versuche ich darauf weiter mein Buch zu lesen. Gegenüber von mir ist auch noch ein Platz frei und der Mann dort hat keine überdemensionale und -schwere Tasche. Aber er hat die Arme verschränkt und sein Kreuz jagt einem Angst ein. Da ist ein kleines Mädchen in den Seiten eines Buches versteckt natürlich vorziehbar. Der Störenfried setzt sich und unter ihm biegt sich der Sitz nach unten, ich sitze auf einer Schräge. Klammernd suche ich an meinem Sitz halt und versuche ihn zu ignorieren. Er kratzt sich am Knie. Am Arm. Hüstelt. Kramt in seiner Hosentasche nach einem Bonbon. Er bietet mir auch einen an. „Nein, danke.“ Ich kriege ein Lächeln hin. Nervös stelle ich fest, dass der Zug vor einer Minute hätte losfahren sollen. Im Kopf rechne ich, ob ich noch genug Zeit haben werde, um am nächsten Bahnhof umzusteigen. Aus dem Zug heraus: 30 Sekungen, in der Menschenmenge eingekeilt vor der Treppe warten (ich bete zum Bahnhofgott, er möge dort nie ein Feuer ausbrechen lassen): 1 Minute, die Treppe hoch: 30 Sekunden, um die Ecke und die Treppe wieder runter: 30 Sekunden. Ingesamt habe ich drei Minuten für diesen Weg. Das wird knapp. Vor mir sehe ich schon den wegrasenden Zug, laut und gemein lachend. Der Störenfried reist mich aus den Gedanken. „Wie bitte?“, frage ich höflich. Er zeigt auf meine Tasche und fragt, für was h_da stehe. „Hochschule Darmstadt. Meine Hochschule.“ Er nickt wissend. Ich vergrabe mich wieder in mein Buch, aber er stört wieder: „Was studierst du da?“ – „Wie bitte?“ – „Was studierst du da?“ – „Online-Journalismus.“ Schnell zurück ins Buch. „Hrm-Hrm.“ – „Hm?“- „Was ist der Unterschied zu normalem Journalismus?“ – „Ich will hier wirklich lesen.“ Wieder ein wissendes Nicken. Die Minutenrechnung beschäftigt mich noch immer. Genau eine Minute spät dran, nach meiner Rechnung war das fatal. „Wie bitte?“ Irritiert schaue ich zu dem Störenfried. „Ich sagte ‚wie bitte?‘ Du hast… geknurrt.“ Statt zu antworten, springe ich auf und haste zum Ausgang. Die Buchseiten flattern wie eine Fahne hinter mir her. Drei Minuten. Go!

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5 Gedanken zu “Drei Minuten

  1. Guuuuuut mal wieder! Ich mag deinen Schreibstil. Sehr anschaulich, man wird hinein gezogen, und: du schaffst es immer wieder, einen roten Faden zu erhalten (die 3 Minuten), du kommst auf gewisse Aspekte immer wieder zurück, hast aber trotzdem Gedankensprünge drin (von der realen Welt in deine Denk- und Traumwelt)…

  2. Ich kann mich da nur anschliessen. Die Gedankensprünge machen alles noch lebendiger! Und wenn der rote Faden bleibt, passt alles! ;) Klasse!

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