Das Papierschiff

Das Papierschiff auf Reisen

Als Online-Journalistin habe ich selten etwas aus Papier bei mir. Jetzt sitze ich da, fast 40 Minuten Zugfahrt noch vor mir und ich habe einen Collegeblock dabei. Die Premiere in diesem Jahr. Ich fange an zu schreiben, ohne zu denken, ohne Pausen. Das ganze Blatt schreibe ich voll, schnell und krickelig. Als ich fertig bin, schaue ich es zufrieden an und ganz oben steht: „Gründe, weshalb das Leben schön ist“. Ich falte es, ganz automatisch baue ich daraus ein Papierschiff. Heimlich stelle es auf den hängenden Abfalleimer. Die Frau neben mir schaut mich argwöhnisch an. Sie isst ein halbes Hähnchen mit den Fingern und das Fett läuft ihr die Backe hinunter. Sie steht auch auf der Liste, weil sie jung, blond und gestylt ist. Über dieses seltsame Bild musste ich lachen. Deswegen ist das Leben schön.

Als ich aufstehe und aus dem Zug gehe, sieht die junge Frau mit dem halben Hähnchen mir noch nach, wie ich die Treppe hochlaufe. Neugierig  nimmt sie sich das Schiffchen und sieht es verständnislos an. Darauf fettige Fingerabdrücke hinterlassend wirft sie mein Papierschiff in den Müll. Dort findet es ein Bahnmitarbeiter, der gerade den Müll einsammelt. Es ist bemalt mit Mustern, mit tanzenden Strichmännchen, Sonnen und Wellen. Aus keinem Grund steckt er es ein. Erst als er Feierabend hat und den Bahnhof verlässt, denkt er wieder daran und zieht mein Schiffchen aus seiner Jackentasche. Es ist schon ganz zerknittert, aber als er es auseinanderfaltet, kann man die Liste noch gut lesen. Er muss lächeln. Spontan kauft er ein und brät sich Zuhause ein Schnitzel, sein Leibgericht, und isst es mit hochgelegten Füßen, denn auch das steht auf der Liste. Ein Jahr später erzählt er davon, während er mit ein paar Freunden Bier trinkt. Er kramt die Liste hervor, mittlerweile hängt sie versteckt an der Pinnwand. Er faltet sie wieder auseinander, denn er hatte sie wieder zu einem Schiffchen zusammengebaut. Ein Freund von ihm, einer stiller Mensch mit der Vorliebe für exotisches (verrücktes) Essen, muss nach dem Abend mit dem Papierschiff immernoch daran denken. Er nimmt sich ein Blatt Papier, einen Füller und fängt an eine Liste zu schreiben. Als erstes schreibt er: „Gründe, warum das Leben schön ist“. Denn auch das steht auf meinem Papierschiff.

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