Wie sie ihn anstrahlte

Langsam kroch  die Sonne unter den Horizont und gab dem Himmel seine Dunkelheit Stück für Stück wieder. Leuchtend Orange stach er von der schwarzen Kulisse des Bahnhofs ab, in den mein Zug gerade einfuhr. Direkt vor mir, zwischen zwei Werbungstafeln („Lebe den Moment mit Starbucks Discovery“) und einem leeren Mülleimer („Please insert waste here“), stand ein Junge. Sein Haar stand unnatürlich nach oben, seine Jeans nach unten. Neben ihm stand ein Mädchen im Sommerkleid  mit wilden Locken und sie strahlte ihn an, wie sie nur ihn anstrahlen konnte. Auch der Junge hatte leuchtende Augen und er machte einen Schritt auf sie zu. Ich hielt den Atem an. Von ihr kam der nächste Schritt, dann standen beide nur dort und ich konnte sehen, wie sehr sich die beiden anzogen; ich konnte hören, wie sich die Energie zwischen ihnen auflud; ich hatte diesen heißen Geruch in der Nase, der immer entsteht, wenn etwas aneinander reibt. Erst verstand ich den Ruck nicht, der mein Zug machte, dann realisierte ich, dass er weiterfuhr. „Küsst euch, küsst euch!“, feuerte ich sie innerlich an, aber als sie verschwanden schon aus meinem Sichtfeld. Sie standen noch da und genossen die Spannung, während ich davongerissen wurde. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich den ganzen Moment lang nicht mehr geatmet hatte. Vorsichtig sog ich wieder Luft ein und lehnte mich zurück. Ich fühlte mich betrogen, wie von einem Buch, bei dem die letzten zwanzig Seiten fehlten. Die Sonne verschwand ganz und lies ein kaltes, dunkles Blau zurück.

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5 Gedanken zu “Wie sie ihn anstrahlte

  1. Hach… es gibt sie also doch die Momente. Wenn man sie nicht selbst erlebt, dann kann man sie zumindest beobachten. Schön.

  2. Eine schöne Szene, die Du schön intensiv beschrieben hast. :)
    Vor allem die ersten beiden Sätze gefallen mir sehr gut, zum Beispiel die Formulierung „gab dem Himmel seine Dunkelheit Stück für Stück wieder“.

    Ansonsten hätte ich den einen oder anderen Tipp, was Deinen Schreibstil angeht. Aber ich will hier ja auch nicht zu überkritisch sein, und dieser Eintrag gehört zu denen, die mir am besten in diesem Blog gefallen (habe noch min. 8 bis 10 andere gelesen).

    Was Formulierungen, Grammatik, Stil und ganz allgemein Sprache angeht, bin ich sowieso ziemlich pingelig: Es heißt z.B. Werbetafel und nicht Werbungstafel. ;)

      1. Ich habe auch noch mehr. ;) Aber das kann ich Dir ja mal persönlich sagen. Was mir gerade noch beim erneuten Lesen aufgefallen ist: „aber als sie verschwanden schon“ -> da ist das Wort „als“ zuviel, und im letzten Satz steht „lies“ statt „ließ“. Aber das sind natürlich nur Flüchtigkeitsfehler, die nichts mit dem Stil zu tun haben.
        Hast Du eigentlich meine SMS gekriegt?

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