Mein Stalker

„Worin besteht für dich der Sinn des Lebens?“, fragte mich mein Stalker und schaute mich hochkonzentriert an. Ich war nicht gerade erfreut über ihn. Auch wenn man sowas sonst von Paris Hilton oder Justin Bieber kennt, haben auch ganz normale Menschen manchmal einen Stalker. Dass er einer war, wusste ich natürlich noch nicht. Zunächst kam er mir wie ein ganz normaler Spinner vor. „Warum willst du mir das nicht sagen?“ Ich sah ihn als minderwärtigen Ersatz für meinen vergessenen MP3-Player und antwortete pampig: „Weil du nicht nur vollkommen fremd und seltsam bist, sondern weil du wegen mir um sechs Uhr morgens in eine Straßenbahn eingestiegen bist, obwohl du in die andere Richtung musst. Solchen Menschen erzähle ich nicht meinen Sinn des Lebens.“ Er reagierte eingeschnappt: „Aber sowas sollte man viel öfter machen! Sowas ist interessant!“ Total begeistert von seiner eigenen Freiheit und Lebensfreude überschlug er sich, ich dagegen versuchte es mit Vernunft (sowas funktioniert bei manchen Leuten): „Du solltest jetzt aussteigen und wieder zurückfahren. Sonst ärgerst du dich, dass du so viel umsonst durch die Gegend gefahren bist.“ – „Aber so hab ich doch dich kennengelernt!“ Mein Kopf funktionierte nicht mehr richtig, zumindest kam die Message meines Frühwarnsystems dort nie an: „Sag ihm deutlich, dass er dich nervt und in Ruhe lassen soll, hier sind auch noch Leute, die dir helfen können.“ Vielleicht lag es daran, dass er nicht nach Gefahr aussah. Ein 21 (einhalb!)-jähriger, nicht betrunkener Physikstudent mit Fragen über das Leben erschien mir eher nach einem armen Idioten als einen, für den man die Polizei holen muss. Als ich ausstieg, lief er mir hinterher wie ein Hund. Zögerlich blieb ich stehen, den Weg zu meiner Wohnung wollte ich ihm nicht zeigen. „Du bist besonders. Du bist keine, die viele Leute um sich herum hat, die ständig Cocktails ausgegeben bekommt. Du bist allein und machst dein Ding, du bist… “ – „Mh“, unterbrach ich ihn. Das war häufig die Antwort auf seine Fragen gewesen und er wurde deshalb sauer: „Mh, mh, mh! Du nimmst das nicht ernst!“ Ich war kurz davor ihn zu zerfleischen: „Geh jetzt nach Hause, ich gehe jetzt auch.“ Er hörte gar nicht zu und erklärte mir wieder seine Weisheiten: „Du bist DIE EINE INTERESSANTE FRAU FÜR MICH!“ – „Mh.“ – „Ich habe noch niemanden getroffen, der so unglaublich kalt, nein… böse! Nein… dinstanziert und prüde und…“ Eine ganze Menge Adjektive habe ich schon wieder vergessen. Ich lief also los, heim, ich nahm an, dass er umdrehen würde, sobald er endlich verstand, dass ich ihn nicht mit zu mir nehmen würde. Er hatte aber immer noch viel Hoffnung, dass ich mich umentscheide, teilte er mir mit. „Ich geh jetzt da rein“, sagte ich und zeigte auf mein Haus. “ Er wollte mich wiedersehen, – „Nein!“- immerhin war es so was besonderes gewesen. Schließlich knallte ich ihm die Haustür vor der Nase zu. Mein größter Fehler war, die Haustür nicht abzuschließen. In manchen Häusern ist das gang und gäbe, bei uns nicht. Da denkt man nicht an sowas. Fiel mir aber gar nicht auf. Erst einmal war ich erleichtert, heil Zuhause angekommen zu sein. Ich zog mir einen Pyjama drüber und lief mit der Zahnbürste im Mund durch die Wohnung, um meine ausgezogenen Kleidungsstücke einzusammeln. Da klingelte es an der Tür.

Fortsetzung folgt…

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