Mein Stalker – Die Fortsetzung

Was zuvor geschah: Zunächst kam er mir wie ein ganz normaler Spinner vor. „Weil du nicht nur vollkommen fremd und seltsam bist, sondern weil du wegen mir um sechs Uhr morgens in eine Straßenbahn eingestiegen bist, obwohl du in die andere Richtung musst.“ Mein Kopf funktionierte nicht mehr richtig, zumindest kam die Message meines Frühwarnsystems dort nie an. Als ich ausstieg, lief er mir hinterher wie ein Hund. Mein größter Fehler war, die Haustür nicht abzuschließen. Da klingelte es an der Tür.

Ich hielt in meiner Bewegung inne und horchte. Mein erster Gedanke entpuppte sich als richtig: Er hatte überall geklingelt, um hinein zu kommen. Sofort dachte ich daran, dass ich die Haustür hätte abschließen können. Zu spät, was jetzt? Ich hastete zur Gegensprechanlage und hob den Hörer ab. Ich hörte ein Summen, dann das Öffnen der Tür. Mist! Welcher Idiot hatte die Tür für ihn geöffnet? Ich lukte durch den Türspion, sah ihn aber noch nicht. Dafür hörte ich ihn mit dem Nachbar einen Stock tiefer reden: „Ich suche ein Mädchen, ungefähr so groß. Kurze, braune Haare.“ Meinen Nachbarn verstand ich nicht, dafür sah ich meinen Stalker kurz darauf zielstrebig die Treppe hochstapfen. Er klingelte bei meiner Nachbarin neben mir, eine ältere, japanische Frau, die uns immer bereitwillig ihre Waage leiht, wenn ich zum Verreisen meine Koffer wiegen muss. „Ich suche ein Mädchen, etwa so groß.“ – „Wohnen Sie hier?“ Gelobt seien die misstrauischen Japaner! „Dann gehen Sie bitte“, und Tür zu. Jetzt war meine Klingel an der Reihe. Ich wagte nicht zu atmen. Ich wartete darauf, dass er weitergeht, einen Stock höher. Aber er schien zu wissen, dass das meine Wohnung ist. Noch mal ein Klingeln. Noch mal. Noch mal. Ich sprach mir Mut zu: Sicher würde er bald aufgeben. Ihm müsste schon längst klar sein, dass ich nicht aufmachen würde. War es ihm nicht, denn nach zehn Minuten sturmklingeln, sank er auf seine Knie und schabte mit den Händen an der Tür. Nach einigen Minuten änderte er seine Taktik wieder. Jetzt wimmerte er: „Mach doch auf. Lass mich doch rein.“ Mit angehaltenem Atem wartete ich ab. Er drehte sich um und lief Richtung Treppenstufen nach unten. Er ging! Nicht. Stattdessen klingelte er wieder bei meiner Nachbarin, die aber stur nicht mehr öffnete. Er klingelte abwechselnd, bei mir, bei ihr. Ich schnappte mir den Telefonhörer und rief leise bei der Polizei an. Die kam auch wenig später in Form von zwei Polizistinnen: „Wohnen Sie hier?“ – „Nein, ich suche ein Mädchen.“ – „Die hat gerade bei uns angerufen und sagte, du belästigst sie.“ Ehrlich geschockt stritt er es ab: „Das ist alles ganz anders! Wenn sie nur aufmachen würde, dann würde ich es ihr erklären.“ – „Sie möchte aber nicht mit Ihnen reden.“ Völlig ausgeschlossen, dachte er sich: „Das ist ja gerade das Lustige, ich bin ja kein Stalker!“ Beim Weggehen kratzte er noch ein letztes Mal über meine Tür.

Eine Fortsetzung wird es hoffentlich nicht mehr geben!

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10 Gedanken zu “Mein Stalker – Die Fortsetzung

  1. Also am meisten würde mich jetzt interessieren, was der Typ wirklich von dir wollte bzw. wie er sich erklären wollte…Im Schutze der beiden Polizistinnen hattest du DIE Gelegenheit es zu Erfahren.

    1. Na jaaa, er hatte einfach die Hoffnung, dass ich ihn mit reinnehme. Ich hätte keine gescheite Antwort bekommen. Und ehrlich gesagt war ich einfach nur froh, dass er weggeht. Ich hatte sogar für einen Moment Panik, weil ich dachte, die Polizistinnen wollen, dass ich vor ihm rauskomme.

  2. Das Leben schreibt die besten Geschichten, das ist wahr. Aber ich wünsche dir solch ein Erlebnis nie wieder!

  3. An diesem Blogbeitrag habe ich stilistisch gar nichts auszusetzen. Und man merkt, dass es eine (zumindest größtenteils) wahre Geschichte ist, wenn man Dich ein bisschen kennt. Genau so hätte ich auch gedacht, dass Du in so einer Situation reagierst. Andere hätten sich vielleicht über die freundliche Aufmerksamkeit gefreut und ein bisschen mit ihm philosophiert – aber nicht Du. ;)
    Aber mal ehrlich: Stimmt der Teil mit dem An-der-Tür-Kratzen? Im Ernst? Also der vorletzte Satz wird ja wohl Stilmittel sein. Aber davor? Gibt es so kaputte Leute? Wenn ja: Armer Kerl.

    Aber solche Leute hab ich auch schon getroffen. Da hilft wirklich nur knallhart bleiben und sagen: Junge, lass es bleiben, ich will nichts mit Dir zu tun haben! Gut, der wollte nix von mir, dem war nur langweilig im Urlaub, aber er war trotzdem extrem anhänglich. ^^

    1. Freut mich, dass du daran nichts stilistisch auszusetzen hast. Aber: Fast jede meiner Geschichten ist komplett wahr, andere haben Stilmittel, aber gerade beim Stalker war es genau so. Auch der vorletzte Satz. Auch das mit dem An-die-Tür-Kratzen. Um dein Fazit also zu bestätigen: Ja, armer Kerl.

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