Sehr geehrter Mitreisender

Sehr geehrter Mitreisender,

Sie nerven. Wie Sie Ihr Brötchen kauen, belegt mit Zwiebeln. Ich habe aufgehört zu atmen, aber der Geruch kriecht trotzdem weiterhin hoch in meine Nase, in meine Augen. Der Anblick, wie sie mit der Zunge nach einem Kringel Zwiebel fischen, ist ehrlich gesagt widerwärtig. Welche Bäckerei verkauft Brötchen, die mit einer dicken Scheibe Zwiebel belegt sind? Oben drauf drohnt eine dicke (im Vergleich hauchdünne) Scheibe grobgehackte Wurst, die dem Geruch noch eine ganze eigene Note gibt. Welcher Gemüsehändler züchtet Zwiebeln, die so gigantisch sind? Wenn Sie kauen, schnaufen Sie dabei. Sie machen laute Schluckgeräusche und würgen sich die großen Zwiebelstücke runter wie ein junger Hund ein rohes Stück Fleisch. Als ich Kind war, hatte ich eine Freundin, deren Vater Metzger war. Einmal war ich in der Schlachthalle, das war so grauenvoll, dass ich danach mit ganz neugewonnenem Genuss die Grünkern-Tofu-Buchweizen-Gerichte aß, mit denen ich aufgewachsen bin. Dieser Ort stank vor Tod und Verwesung. Dort wäre ich jetzt trotzdem lieber als hier neben Ihnen. Ich würde so viel darauf geben, jetzt ebenfalls so ein widerwärtiges Brötchen zu besitzen. Ich würde es sogar essen. Nur damit Sie sehen, wie abscheulich das sein kann. Ich würde schmatzen und würgen, genau wie Sie jetzt, wenn Sie die halbe Zwiebel aus dem Mund hängen haben. Sie wundern sich wahrscheinlich, dass ich gerade mit rotem Kopf nach Luft schnappe. Das liegt daran, dass ich mich nicht traue zu atmen, sonst könnte ich bei diesem Ätzgestank meine Fähigkeit zu riechen für immer verlieren.  Auch wenn sie sich gerade die letzten fettigen Fetzen von den Fingern lecken, schwebt der Geruch zwischen Zwiebel und Wurst noch im Abteil. Gerne würde ich flüchten, aber um ehrlich zu sein, komme ich erst aus einem anderen Abteil, weg von einem dicken Mann, der großen Wert darauf lag, mir mit offenen Mund zu zeigen, wie gründlich er seinen Döner kaut. Würde ich noch einmal flüchten, käme wahrscheinlich noch ein schlimmerer Esser. Obwohl, was könnte schlimmer sein als ein Brötchen belegt mit einer einen Zentimeter dicken Zwiebelscheibe und Wurst? Ich gebe dem Schicksal eine Chance (ich bin nett) und flüchte wieder einmal – vor Ihnen. Wissen Sie was, ich vermisse Sie doch. Es gibt Menschen, die essen noch grauenhafter als Sie. Vielleicht sollten Sie sich hierhersetzen? Sie würden einige Menschen treffen, denen es ebenfalls Vergnügen bereitet, andere Menschen zum Würgen zu bringen. Die Frau neben mir isst irgendwelche Fleischteile, die halb roh aussehen, vor allem kaut sie auf jedem Knorpelstück gut herum, bevor sie es zurück in ihren Pappbecher spuckt. Der Junge gegenüber isst ein Brötchen mit etwas Fischigem als Belag (wahrscheinlich seit drei Tagen schon tot). Der andere Junge, links am Fenster, der isst wohltuenderweise nur eine Tüte Pommes, dessen Fettgeruch mir wie eine rosige Sommerbrise vorkommt. Wissen Sie was, ich hätte bei Ihnen bleiben sollen.  Ihre Zwiebel hatte schon ihren gewissen Charme.

Auf bald, Johanna Kindermann

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2 Gedanken zu “Sehr geehrter Mitreisender

    1. Ja. Ist es auch. Ich bin auch gar nicht gerne intolerant, aber mal ehrlich: Wer im Zug sowas isst, achtet nicht darauf, dass seine Mitreisende sich wohl fühlen. Das darf man auch mal ausprechen.

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