Manchmal, dann

Manchmal ist es da. Es zieht an mir, es zieht an meinen Zehen und an meinen Haaren und will, dass ich mitkomme. Dann sitze ich während Vorlesungen vor meinem Laptop und tue so, als ob ich mich darum bemühe, Photoshop zu verstehen. In Wirklichkeit suche ich nach Flügen nach Indien. Wenn ich früh buche, müsste ein halbes Jahr am Stück arbeiten reichen, um nach Neu-Delhi fliegen zu können. In diesen Zeiten komme ich zu spät, weil ich vor einem Bücherladen bei einem Buch über Marokko hängen bleibe. Plötzlich bin ich dort, ich rieche die Gewürze und die Blumen, spüre die heiße Luft in meinen Lungen und den dreckigen Staub unter meinen Füßen. Manchmal ist es da, dieses Gefühl, und dann bin ich meines täglichen Weges satt. Dann packe ich meinen großen Rucksack im Kopf: Was muss alles mit, wenn ich einfach loslaufe? Ich bräuchte nur 13 Tage und drei Stunden von meiner Haustür bis in die Innenstadt von Istanbul. „Seien Sie vorsichtig!“, weist mich Google Maps freundlich darauf hin, dass es möglicherweise keine Bürgersteige oder Fußwege gibt. Beim Anblick der weiten Wege, die ich über das Meer wandern müsste, gebe ich Google Maps recht. Manchmal ist es da, dieses Gefühl gehen zu müssen. Es packt mich und zieht mich hinaus in die Welt. Dann schenke ich meiner Haustür beim Aufschließen nur einen finsteren Blick. Dann streiche ich meinen Stuhl dunkelblau, um frischen Wind um die Ohren zu kriegen. Dann sehe ich den Satz aus irgendeiner Flugfirmawerbung an meiner Wand kleben: „Hör auf zu denken, fang an zu reisen.“ Und bekomme Angst für immer auf meinem blauen Stuhl sitzen zu bleiben. Manchmal ist es da, dieses Gefühl gehen zu müssen, und dann gehe ich. Bin einfach weg. Wie ich es liebe, wenn sich mein Emailpostfach füllt, weil ich nicht erreichbar bin. Und manchmal. Manchmal ist es dann einfach da, dieses Gefühl nach dem Gehen wiederkommen zu wollen. Das Labyrinth von Gängen in der Uni, in dem man sich mittlerweile so gut auskennt; die Bettkante, an der man sich immer wieder das Bein anschlägt; die Mauer vor meinem Haus mit den allbekannten Rissen und Löchern; der blaue Stuhl in meinem Zimmer. All das schließe ich in meine Arme. Bis dann manchmal wieder dieses Gefühl kommt, das mich nicht mehr loslässt.

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2 Gedanken zu “Manchmal, dann

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