Wie man Vollprofi im Busfahren wird

Ihr kennt mich als Zug-Vollprofi. Kein Bahnhof ist mir zu groß, selbstsicher bahne ich mir meinen Weg durch die Menschenmenge zum richtigen Gleis. In Sekundenschnelle entscheide ich mich für den angenehmsten Platz, setze mich in der ultimativen Zughaltung hin (Tief in den Sitz hinuntergefletzt, die Knie gegen den vorderen Sitz gelehnt. Bei einem Vierersitz optional die Füße auf der Bodenheizung, den Oberkörper gegen die Armlehne gedrückt.) und problemlos bin ich eingeschlafen. Wenige Haltestellen vor meiner wache ich auf. Ich danke meinem Vollprofi-Dasein, dass ich noch nie wenige Haltestellen nach meiner aufgewacht bin.

Jedenfalls. Vollprofi im Zugfahren. Das wird man nicht einfach so. Das erste Mal Busfahren kam zwangsläufig mit meiner Einschulung. Stellt euch das kleinste Mädchen mit dunkelblonden, glatten Haaren vor. Der Pony reichte bis über meine Augen, sodass die Leute sich sicherlich wunderten, weshalb ich nicht gegen die nächste Laterne lief. Ich stand da und schaute zu, wie alle auf die Bustür zurannten. Ich hätte darauf geschworen, dass ich ein paar schlagende Arme in der Luft gesehen hatte. Als ich keine andere Wahl mehr hatte, quetschte ich mich vorsichtig dazu und kaum war die Tür zu, klebte mein Gesicht an der Scheibe. Ich zeigte auf den roten Knopf mit den Worten „STOP“ und fragte meine Freundin: „Für was ist das?“ Sie sagte: „Wenn du rauswillst, drückst du drauf und dann hält der Bus an.“ Also drückte ich. Natürlich hielt der Bus nicht. Erst an der nächsten Haltestelle, meine Schule. Also drückte ich nie wieder darauf. Das wurde mir leider zum Verhängnis, als ich wenige Jahre später auf der Heimfahrt die Einzige im Bus war und dieser gnadenlos an meiner Haltestelle vorbeifuhr.

Die zweite Hürde kam, als ich das Busfahren als einzige Möglichkeit sah, irgendwo hinzukommen. Mittlerweile wusste ich, wann man „STOP“ drückt, aber meine zweite Frage war: „Woher weiß man, wo man aussteigen muss, wenn man nicht weiß, wie es da aussieht?“ Das waren damals noch diese altmodischen Busse ohne Anzeige. Daher saß ich eine halbe Stunde lang hochkonzentriert da und studierte die kleinbedruckten Schilder an jeder Haltestelle. Die kann man meistens erst richtig lesen, wenn der Bus schon steht. Ich war die einzige Mitfahrerin und plötzlich rief der Busfahrer nach hinten: „He, Kleine. Wo musst du denn raus?“ Er musste gesehen haben, wie ich verängstigt an meine Tasche geklammert so wenig wie möglich den Sitz berührte.  Ich wisperte den Namen der Haltestelle. „WAS?“, brüllte er zurück. „Adolf-Spieß-Halle“, bemühte ich mich laut zu sagen. Und als sie dann kam, die Adolf-Spieß-Halle, da brüllte er noch einmal: „He, Kleine“, und ich schreckte auf. „Wir sind da.“

Ganz am Anfang dieses Blogs habe ich behauptet, das Zugfahren sei wie das Leben. Und dann habe ich es sofort wieder verworfen, nur um es wenig später wieder zu behaupten. Meine lustigen, naiven Anfänge im Busfahren sind doch die besten Beispiele für viele Dinge im Leben, die man lernen muss. Was ich damit sagen will: Hürden begegnen jedem in jeder Lebenslage. Als ich älter wurde, stieß ich auf ein großes Problem bei meiner Auslandsplanung: Ich hatte Flugangst. Trotzdem bin ich geflogen, um dort anzukommen, wo ich hinwill. Es geht eben nicht um das Angsthaben. Es geht ums Trotzdemmachen.

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