Das Leben? Eigentlich nicht.

„Das Leben ist manchmal wie das Zugfahren“, verkündigte ich mittlerweile schon einige Male in diesem Blog. Strahlend vor Begeisterung über diesen Vergleich. Am besten noch mit der flachen Hand auf den Tisch hauend. Wie naiv. Und meine Hand zieht sich ganz langsam vom Tisch zurück und kauert sich in meinem Schoß zusammen. Das Leben ist, wenn überhaupt, ein Modell des Lebens. Mehrere Stationen des Lebens wurden aufgegriffen, um die Komplexität des Lebens vereinfacht darzustellen. Wie ein Planeten-Mobile mit einem erbsengroßen, ampelroten Mars. Seine Gebirge, seine Stürme und Krater bleiben versteckt. Es ist der Versuch eines Modells für ein Leben. Einige Teile sind sehr gut nachgebildet: Manchmal fährt man zu zweit oder mit mehreren, oft aber alleine. Der Zug kann auch mal stehenbleiben für einige Minuten, Stunden oder fährt überhaupt nicht mehr weiter und du musst dir eine andere Möglichkeit überlegen. Zugfahren kann anstrengend sein, macht müde und wenn du Pech hast, verschläfst du deine Station. Aber wäre das Zugfahren tatsächlich wie das Leben, hätten wir große Schwierigkeiten. Ich stelle mir vor, wie ich vor dem Fahrautomaten stehe und verzweifelt eine Freundin anrufe: „Du musst mir helfen! Ich weiß nicht, wohin ich fahren soll.“ „Ich dachte, du hättest dich schon für Leipzig entschieden?“ „Ja! Nein, ich weiß es doch auch nicht. Doch, vielleicht.“ „Was spricht gegen Leipzig?“ „Da bin ich fünf Stunden unterwegs! Leipzig ist teuer und wenn ich da bin, bin ich k.o.!“ „Aber du wolltest nach Leipzig, du hast dich schon dafür entschieden.“ „Ich hab mich nur entschieden, weil ich mich entscheiden musste!“ „Okay.“ „Okay ist keine coole Antwort. Okay heißt, dass du’s gar nicht okay findest.“ „Richtig. Ich find’s nicht okay. Wenn du nicht nach Leipzig fährst, wohin dann?“ „Ich könnte auch einfach nach Köln fahren. Da bin ich in zwei Stunden.“ „Du könntest auch einfach in Darmstadt bleiben.“ Meine Freundin nimmt mich nicht ernst. Das merke ich aber zu spät. „Ja. Das könnte ich auch. Meinst du, ich soll hier bleiben?“ „Darum geht’s aber doch nicht im Leben. Es geht doch darum, auch mal nach Köln oder Leipzig zu fahren.“ Hinter mir nörgelt eine junge Frau mit falschen Wimpern: „Hallo? Hier wollen noch andere ein Ticket ziehen!“ Hektisch versuche ich zu lächeln, um in ihr das Gefühl zu vermitteln, dass sie doch bestimmt auch mal in einer ähnlichen Situation war. Ich scheitere, sie reißt die Augen ungeduldig auf und das zusammen mit ihren langen Wimpern lässt mich an zwei riesige Spinnen mit Augen auf dem Rücken erinnern. Resigniert lasse ich sie vor und sie tippt mit ihren sperrigen Fingernägeln unbeholfen auf die Tasten: M-Ü-N-C-H-E-N. Sie stopft die Kreditkarte in den dazugehörigen Kartenschlitz, wuselt nach dem Ticket und mit einem missbilligenden Blick stolziert sie weg, zu ihrem Zug nach München. Neidvoll blicke ich ihr nach. „Du hast mir gesagt, dass du nach Leipzig fahren willst“, versucht mich währenddessen meine Freundin auf den richtigen Weg zu bringen. „Ich wollte auch als fünfjährige Sängerin werden. Wie sieht’s bei dir aus? Bist du schon in Marseille?“ „In 40 Minuten. Ich muss jetzt auflegen.“ Eigentlich stehe ich nicht gerade vor dem Schalter und kann mich nicht zwischen Leipzig und Köln entscheiden. Eigentlich sitze ich meiner Küche mit einer riesen Tasse Kakao, die inzwischen kalt geworden ist. Die Sonne blendet mich und durch sie sehe ich auf der Fensterscheibe die an meine Mitbewohnerin adressierten Worte: „Bianca ist toll!“, die jemand mit dem Finger auf der letzten WG-Party draufgeschmiert hat. Eigentlich ist das Zugfahren nicht wie das Leben, nur ein klitzekleiner Teil darin. Genauso groß wie mein kalter Kakao. Aber falls doch, dann wünsche ich mir, dass mein fiktives Ich mit aufgeregten Fingern folgende Buchstaben in den Ticketautomaten tippen würde: L-E-I-P-Z-I-G.

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4 Gedanken zu “Das Leben? Eigentlich nicht.

  1. Habe gerade mal wieder ein paar Blogeinträge gelesen. Und ich glaube, ich kann mit Deinem Schreibstil inzwischen mehr anfangen. Keine Ahnung, ob sich Dein Stil oder mein Geschmack geändert hat.
    Aber eine Frage habe ich: Was ist denn in Leipzig?

    1. Leipzig ist nur ein Symbol. Die ganze Entscheidungsschwierigkeit ist in diesem Teil ja nur fiktiv.
      Und: Es ist ja immer gut sich zu verändern und ständig zu wachsen (auf den Schreibstil bezogen), aber wahrscheinlich ist das einfach nur Zufall.

  2. Ich habe das Gefühl dich und deine Freundin gut zu kenne und die Spinnen-Wimpern-Fingernägelfrau ist blöd. Wer will schon nach München, insbesondere, wenn dort am Ende alle so sind wie die… pfff…

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