Die vergessene Sporttasche

Das schlimmste, was ein Zug machen kann: Stehen. Wenn er fährt, kommt es einen so vor, als komme man voran, man sieht die Minuten, die man noch absitzen muss, vor seinem Auge davonrieseln. Stehend rieselt gar nichts. Ich sitze in der S-Bahn – stehend- und bin glücklich über eine Gruppe von Jugendlichen, vielleicht 15, die es mir verdammt schwierig machen, sie nicht alle in eine große Klischee-Box zu packen. Mitten in der Tür bleibt Jogginghose, so nenn‘ ich ihn mal aus ersichtlichen Gründen mal, stehen und flucht: „Scheiße, ich hab‘ meine Tasche am Bahnhof liegen lassen!“ Die zwei Jungs lachen ihn aus, das Mädchen hängt weiterhin emotionslos am Geländer. Jogginghose flucht weiter, bis einer der beiden ihn endlich ernst nimmt: „Was war denn alles drin?“ – „Meine Fußballsachen und…“ Er wird unterbrochen: „Und was machst du jetzt?“ – „Ah ja! Zurückfahren!“ Wütend haut er gegen die sich schließende Zugtür und versucht dann zu verbergen, wie sehr es ihm weh getan hat. „Das dauert aber ‘ne halbe Stunde, bis dahin ist die Tasche längst weg.“ – „Ah ja, Scheiße!“ Jogginghose ist eindeutig kein Fan von Logik. Er steckt sich eine Zigarette in den Mund und nuschelt: „Gibt mir mal Feuer, ich rauch jetzt eine.“ Er wird ignoriert, stattdessen fängt einer der Jungs wieder an zu lachen: „Du bist ja so blöd!“ – „Und du bist scheiße!“ Plötzlich ist der Junge entrüstet und zickt zurück: „Was kann ich denn dafür?“ – „Ich hab gesagt, du sollst auf die Tasche aufpassen!“ Jetzt mischt sich das Mädchen ein, anscheinend hat sie einen wachen Moment: „Was ist denn, wenn die Tasche weg ist?“ – „Na, dann bin ich im Arsch!“ – „Lass dich doch von deiner Mutter hinfahren“, macht einer der Jungs den Vorschlag. Jogginghose quält aber in der Zwischenzeit längst ein anderes Dilemma: „Mann, gib mal Feuer!“ – „Lass dich doch von deiner Mutter hinfahren!“ – „Gib mal Feuer!“ – „Geb dir doch selbst welches!“ Die Tür startet wieder einen Versuch zu schließen, Jogginghose entscheidet sich dieses Mal für einen festen Tritt – leider genauso schmerzhaft, wie man an seiner Mimik unschwer erkennen kann. „Mann, ich hab keins!“, brüllt er und tritt gleich noch mal zu. „Ich versteh‘ nicht, wieso du dich nicht von deiner Mutter hinfahren lässt“, fängt wieder einer der Jungs an. „Was bringt mir das?“ – „Dann bist du doch viel schneller!“ – „Gar nicht!“ – „Na klar!“ – „Die Bahn hier fährt doch auch hin!“ – „Aber vielleicht ist die Tasche dann weg“, murmelt das Mädchen, wieder kurzzeitig wach. „Gib jetzt erst mal Feuer!“ – „Die Bahn fährt in ‘ner Minute ab!“, brüllt jetzt auch der andere Junge. Jogginghose lässt sich jedoch nicht beirren: „Ich will jetzt erst mal eine rauchen.“ Er tritt aus der Bahn, krallt sich den Arm von einem seiner Freunde und entwendet ihm das Feuerzeug. In dem Moment schließt sich endlich die Tür und der Zug setzt sich in Bewegung. Ich sehe, wie Jogginghose wütend auf und ab springt. Ich stelle mir vor, wie er laut flucht: „Scheiße, jetzt ist die Bahn weg!“, daraufhin der andere: „Ich hab dir doch gesagt, dass sie gleich abfährt!“ – „Hast du gar nicht!“

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2 Gedanken zu “Die vergessene Sporttasche

  1. Diese Jogginghosen-Klischee-Situationen kenn ich nur zu gut, meistens kann man sie aber im Nachhinein nie so richtig wahrheitsgetreut wiedergeben, ohne dass man sich blöd vorkommt die Situation als Klischee zu beschreiben. Aber dir ists ganz gut gelungen finde ich… ich kanns mir wahrhaftig vorstellen.

    1. Finde es auch immer sehr schwer Klischees zu beschreiben ohne dass man denkt: „Jaaa, genau, als ob ich das glaube.“ Aber es freut mich, dass dus anscheinend glaubst :)

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