Lilli’s Sprung

Los, erzähl’s mir. Was weißt du über Träume? Was hast du gesehen? Dieselben  Abgründe? Erzähl’s mir, wo bist du gewesen?

Die größten Augen blicken mich an. Ich bin auf der Gegenseite in meinen Sitz gepresst, keiner Bewegung fähig. Ich bin klein, machtlos, blicke sie nur an und beuge mich ihrer Provokation. Vor mir sitzt ein junges Mädchen, fast noch ein Kind und sie schaut mich nur an. Ihre Augen sind weit und tief, sie gibt mir so unendlich viel preis, aber nicht, weil sie mit mir verbunden ist, sondern aus Häme, sie hasst mich. Sie hasst mich, weil ich nachts schlafen kann. Sie hasst mich, weil ich es schaffe zu leben ohne mich selbst zu hassen. Sie hasst mich, denn sie hasst die ganze Welt. Sie sitzt unbeweglich da – nach vorne gebeugt, als wolle sie gleich nach vorne springen und ihre ganze Trauer über mich erbrechen. Wie es meine Angewohnheit ist, gab ich ihr sofort einen Namen. Lilli. Trotz der Kälte trägt sie ein rosa Shirt. Es ist verblichen und zu groß, ihre Arme drahtig und mit blonden, stumpfen Härchen bedeckt. Quer, nach unten ziehend reihen sich in regelmäßigen Abschnitten vier feine blutige Linien, aus der unteren läuft ein dunkler Tropfen runter zu ihrer Hand. Sie hat den Arm so gedreht, dass ich bewusst die Ritze sehen kann. Dennoch kann ich nur auf ihre Augen achten, die mich nicht loslassen. Was weißt du über meine Träume?

Zwei Stationen schon lässt sie mich nicht mehr los, die Zeit sickert genauso langsam wie ihr Blut. Ganz langsam erzählen mir ihre Augen ihre Geschichte und mein Nacken wird starr. Eine Kontrolleurin kommt den Gang entlang. Sie ist dick und muss seitwärts gehen, um mit ihrem Hintern durchzukommen. Sie fragt uns nach unseren Fahrkarten. Als ich ihr meine gebe, blickt sie kurz darauf, dann lächelt sie mich nickend an. Sie guckt das Mädchen nicht an, als sie deren Fahrkarte überprüft. Schnell dreht sie sich um. Lilli stopft ihre Fahrkarte zurück in ihre Tasche. Sie hatte sie der Kontrolleurin mit der blutigen Hand hingehalten. Jetzt ist diese wieder auf ihrem knochigen Knie gestemmt, ihre Augen wieder auf meinen. Schau mich an, befehlen sie. Erzähl’s mir. Was weißt du über deine Träume?

Dann ist sie weg und vorsichtig lockert sich mein Körper wieder. Ich mache mich im Sitz klein und schaue aus dem Fenster. Sie steht am Bahngleis mit dem Rücken zu  mir und ich frage mich, wie lange sie noch leben wird. Als mein Zug wieder anfängt sich zu bewegen, schließe ich die Augen und ich sehe wie sie

springt.

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3 Gedanken zu “Lilli’s Sprung

  1. Wow, ganz schön düster. Gefällt mir. Macht neugierig, was wohl dahinter steckt. Das wäre auch die einzige Anregung, die ich noch hätte: Diesem Menschen noch etwas mehr Tiefe geben, etwas mehr Andeutungen, wie das Mädchen zu dem geworden ist, was sie ist. Klar, es geht in Deinem Blog um das Zugfahren und um flüchtige Eindrücke von anderen Menschen, aber in anderen Posts hast Du Deiner Fantasie ja auch erlaubt, noch etwas mehr auszuschweifen. Gehört aber jedenfalls meiner Meinung nach zu den besten Beiträgen von allen, die ich bisher gelesen habe. :)

    1. Ich weiß nicht, ob ich fähig bin zu erahnen, was einen Menschen dazu bringt so werden zu lassen. Wie tief ich in eine Person einblicke, ergibt sich meistens ehrlich gesagt einfach… manchmal kann ich nicht ganz beeinflussen, was oder wie ich schreibe :D

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