Der Moment in der Glasscheibe

„Der Weg ist das Ziel!“ – wer diesen Satz gesagt hat, ist wohl nie in seinem Leben Bus gefahren. In einen Bus passen 100 bis 150 Menschen, so lange die Türen noch schließen, wird also keine Rücksicht auf Vorlieben genommen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als meinen Sitznachbarn beim Kauen zuzuschauen. Ich darf bestimmt auch nicht zwei besonders geschwätzigen Weibern zurufen: „Es interessiert mich nicht die Bohne, was der Typ gesagt hat und was du darauf gesagt hast und was er daraufhin wieder gesagt hat!“ Mir bleibt keine Wahl als zu riechen, dass die eine Frau neben mir ein aufdringliches Männershampoo benutzt und eine andere gar keins. Im Bus herrschen eigene Regeln.

Missmutig stehe ich also am späten Morgen an der Haltestelle und warte auf den Bus. Als er kommt, natürlich einige Minuten zu spät, hole ich resignierend tief Luft und stackse die Stufe hoch. Ich schwinge mich auf den Sitz direkt vor dem Fahrer, lehne meinen Kopf an die Fensterscheibe und schließe die Augen. Der Bus fährt an und ich lasse die Fahrt ergeben über mich ergehen. Ich stelle mich schlafend und versuche mich auf meine Musik im Ohr zu konzentrieren. Auf dieser Fahrt gibt es einen Moment, in dem der Bus Darmstadt verlässt und einige Minuten ohne Zwischenstopp die Landstraße entlang pest. Genau dann öffne ich wieder die Augen, eigentlich eher aus Versehen. Zwischen mir und dem Fahrer ist eine schwarze Glasscheibe und durch die grelle Herbstsonne spiegelt sie den ganzen Bus hinter mir. Keiner isst, schwatzt oder popelt in der Nase. Jeder sitzt ruhig da, schaut aus dem Fenster, stellt sich schlafend, wartet auf seine Haltestelle. Fasziniert schaue ich zu, wie jeder für sich und wir alle zusammen die Straße ohne Halt entlang pesen.  Gemütlich lehne ich mich wieder an die Fensterscheibe und stelle befriedigt fest, dass es gar nicht so schlimm ist, das Busfahren. Ich stelle mich nicht mehr schlafend, ich beobachte lächelnd meine Gleichgesinnten, wie sie die ruhigen Minuten im Bus vor dem hektischen Morgen genießen.

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