Das sind Bernd und Simone

Simone sitzt mir gegenüber und bemerkt mich nicht. Bewegungslos schaut sie aus dem Fenster, ohne wirklich den Bahnsteig zu sehen. Sie sieht müde und einsam aus. Bernd schwingt sich neben sie auf den Sitz, ich erschrecke mich sogar ein bisschen. Er zieht sie an ihrem Arm zu sich, aber sie stemmt sich dagegen. Er sagt etwas zwischen den Zähnen hervorgepresstes, sie sagt: „Lass mich“, und streift seine Hand ab, die aber sofort wieder da ist. „Lass mich!“, sagt sie noch einmal, aber er ignoriert sie. Ihre Augen greifen ihn wütend an, aber sie verlieren. Tränen sammeln sich in ihnen und peinlich wendet sie sich von Bernd weg, aber auch von mir. Betreten schaue ich mir meine Schuhspitzen an, sie tut mir Leid. Bernd versucht weiterhin sie zu ihm zu ziehen, aufdringlich drückt er sie an sich. „Lass mich!“, flüstert sie noch einmal, aber sie hat schon aufgegeben. Weinend sitzt sie da, seine Arme um sich geschlungen und er redet auf sie ein, aber ihr Gesicht ist von ihm weggedreht. Ich krame aus meiner Tasche ein Päckchen Taschentücher hervor und strecke ihr eins entgegen. Fast habe ich Angst, dass sie es mir aus der Hand schlägt. Wütend, weil ich mich einmische. Aber sie lächelt kurz und nimmt es entgegen. „Danke“, sagt sie ohne mich anzugucken. Bernd sieht mich gar nicht und drängt sich ihr weiter auf. Simone drückt sich das Taschentuch gegen Augen und Nase. Sie sieht traurig und einsam aus.

Ich suche mir nicht aus, wie es mit Bernd und Simone weitergeht. Täglich sehe ich so viele Paare, wartend, streitend, knutschend, und nur manchmal denke ich: Das sind Bernd und Simone. Als ich anfing, über sie zu schreiben, wusste ich, dass ich irgendwann mal einen Abschluss ihrer Geschichte finden würde. Eine tattrige Frau und ein tief gebeugter, alter Mann, die  sich still liebend nebeneinander sitzen. Oder Simone mit einen dicken Bauch und Bernd wie er sich über ihn beugt: „Pass auf, Mama ist hysterisch, das darfst du nicht übernehmen!“ Und sie gibt ihm einen empörten Klapps auf den Hinterkopf. Wie gesagt, ich suche es mir nicht aus. Mit zusammen gepressten Mund stehe ich auf und gehe den Gang entlang. Weg von ihnen, mich fragend, ob ich sie noch einmal wiedersehen werde. Mein restliches Taschentuchpäckchen auf dem Sitz zurücklassend.

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