Thomas und Takashi

„In Schermani ju kän koal from -ääääh- Darmstadt tu Frankfurt for -äh- ilewen sentz. To Amerika ju päi long distenz.“ Belustigt blicke ich auf und sehe einen circa 60-Jährigen drahtigen Mann mit einem grün-gelb kartiertem Anzug (mit Fliege!), der sich stockend mit einem ergrauten Asiaten unterhält. „Yes, yes“, nickt der Asiate und zeigt auf zwei bauchige Wassertürme, an die der Zug vorbeirauscht: „And what it this?“ Der drahtige Mann kratzt sich Zeit schindend an seinem grauen Kinn und klaubt sich dann was zusammen: „Sej arr samsing wis -äh- woter. Äh… tu kiep it. Äh, samsing wis woter.“ Die beiden kennen sich schon jahrzehnte lang.

Vor meinem Auge werden sie wieder jung, der drahtige Mann ist groß und schlacksig mit rotblondem Haar. Der Asiate verliert seine Lachfältchen und hat wieder dunkles, volles Haar. Der Deutsche heißt Thomas, wobei er sich Thomasch ausspricht, wie er es von einem Freund übernommen hat. Er steht am Bahnhof Yokohama und durchsucht verzweifelt mit den Augen die vorbeitreibende Menschenmasse. Alle sehen für ihn gleich aus! Sein Freund aus der Uni hatte ihm ein Bild von Takashi geschickt, aber dennoch kann er ihn nicht erkennen. Er hatte sich geirrt, er ist an seine Grenzen gestoßen. Ganz alleine wollte er durch Asien reisen, und gleich im ersten Land scheitert er daran, dass er den asiatischen Freund seines Studienkollegen nicht erkennen kann. Er wird durch Yokohama irren, schließlich aus Verzweiflung sich ein teures Hotelzimmer nehmen und am nächsten Morgen ein Ticket zurück zum Flughafen buchen. Thomas seufzt tief und hört auf zu suchen. Gerade als er seinen Blick von der Menschenmasse abwendet, sieht er noch aus den Augenwinkeln ein großes Schild mit europäischer Schrift: Thomasch Beck. Takashi trägt eine dicke Brille und in der Hand hält er ein Bento, eine japanische Lunchbox. Er hält es ihm hin und darin sind zwei länglich geschnittene Schnitzel, die mit Algenblätterstreifen als Pandabären verkleidet sind. Er hatte etwas heimatliches für seinen Gast machen wollen. Nach zwei Monaten fliegt Thomas wieder nach Deutschland und er redet von nichts anderem mehr als seine neue Liebe: Japan. Heike trennt sich von ihm aus Eifersucht. Takashi und er halten Kontakt, noch per Post und mit Telegrammen, aber erst nach fünf Jahren fliegt Thomas wieder hin. Über die Jahrzehnte hinweg sitzt er acht Mal in dem Zug vom Flughafen Frankfurt zum Bahnhof von Yokohama und freut sich mit leuchtenden Augen wie ein Kind auf das Wiedersehen mit seinem besten Freund. Sie wandern im Urlaub gemeinsam den Fuji entlang, dem höchsten Berg Japans. Thomas rettet Takashi, als dieser fast von einem Elefantenbullen niedergetrammpelt wird. Eines Morgens wachen sie in einem fremden, leeren Haus in Tokio auf und wissen nicht mehr, als dass Thomas anscheinend fast 30 Tausend Yen ausgegeben hat. Aber nie besucht Takashi ihn in Deutschland.

Bis jetzt.

Vor meinen Augen altern beide wieder um vierzig Jahre und landen hier im Zug zwei Sitzreihen von mir entfernt. „Wat du ju wont tu iet tuneit?“, fragt Thomas und fingert mit seinen langen Fingern am Reißverschluss seiner Jacke herum . Takashi grinst: „What about Schnitzel, Thomasch?“ Dieser grinst ebenfalls breit und sagt schmunzelnd: „Wattewa ju wont, mei old frend. Schnitzel it iss!“

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