Why do you always want to go somewhere?

„Why do you always want to go somewhere?“, nuschelt die Kleine und beobacht mich, wie ich versuche einen dicken Käfer auf einen Zweig zu locken. „What did you say?“, frage ich, obwohl ich sie ganz genau verstanden habe. „You always come here every summer, and you want to go everywhere! You don’t like it in Germany?“ Die vierjährige Nelly  guckt mich mit ihren großen, wachen Augen an und sie weiß nicht einmal, wie neu mir ihre Frage gerade ist. Es ist der britische Sommer 2010 und ich sitze mit meinem Schützling auf dem riesigen Trampolin in ihrem Garten. Wir befreien es von Blättern und Krabbeltieren und hatten eine Weile vor Nellys Frage nichts gesagt. Jetzt versuche ich meine Verwunderung zu überspielen und weiche ihr aus: „I come here, because I like the country. And I like you. I enjoy being at home, of course I do. But I like going away too much.“ Sie guckt mich weiter an, die Antwort reicht ihr nicht. Ich gebe es auf den Käfer zu fangen und lasse mich nach hinten fallen. Das Trampolin wippt leicht, als Nelly sich an meine Seite kuschelt. Über uns hängen graue Wolken und dicke Äste, von denen vereinzelt trockene Blätter herabsegeln. „Do you remember the book we read the other night? About the boy who finds a penguin in his bedroom – “ Sie unterbricht mich: „And they go on a boat to find the penguins home?“ Sie ist halb vor Begeisterung aufgesprungen und ihre Haare hängen mir ins Gesicht: „And, and they ship over the whole sea?“ Ich muss grinsen: „Yea, and in the end the penguin wants to go back with the boy.“ Wieder knäult sie sich in meinen Arm und lächelt in sich hinein. Nach einer Weile fragt sie ruhig: „So what about it?“ – „I don’t only wanna read about those adventures, I wanna live them. I wanna know how it feels to be in India, how it smells somewhere else or what people eat in different countries.“ Nelly kichert und presst ihren Mund gegen mein Ohr: „In Spain it smells like hot stone and oranges.“ Sie versteht, was ich meine. Vom Haus her hören wir die anderen beiden, Jude und Ava, auf uns zurennen. Gegenseitig schubsen sie sich auf das Trampolin und fangen energisch an auf und ab zu springen. Avas Rock fliegt jedes Mal nach oben und ich sehe ihre knallige, beerige Unterhose. Sie legt sich in meinen anderen Arm, ganz warm vom vielen Hüpfen. Jude torkelt schwindelig herum und lässt sich schließlich quer über uns fallen. „Jude!“, japsen wir gleichzeitig auf und schieben ihn herunter. Die Wolken hängen mittlerweile schon sehr viel tiefer. „Let’s go inside“, sage ich und befreie mich von dem Gemenge kleiner, verschwitzter Körper. „It’ll rain every minute now.“ Nach meinen längeren Aufenhalten dort kann ich schon riechen, wann es anfangen wird zu regnen. Wir rennen barfuß über den Schotter zurück ins Haus, Jude habe ich halb unter dem Arm geklemmt, weil er nicht schnell genug barfuß laufen kann. Fast sind wir da, als schon der erste Tropfen auf unseren Nasen landen. England riecht nach Regen und frischem Gras. An der Küste salzig und nach dem rauen, kalten Fels, der hier überall in die See splittert. Es riecht wie eins von vielen, vielen kleinen Abenteuern, denen ich überall in meinem Leben begegnen werde.

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