Jede Fahrt sollte in Alexandria enden

Unsere Flucht dauerte jedes Mal vierzig Minuten. Ich fuhr immer schnell, schneller als erlaubt, aber diese Highways sind zu verlockend. Die Flucht startete jedes Mal gleich. Der Lärm draußen und der Versuch mit meiner verschlossenen Tür ihn auszuschließen. Das Klingeln meines großen Telefons und die erstickte, kleine Stimme: „Ich brauche unbedingt wieder unsere Insel. Hast du frei?“ Als ich aus der Garage fuhr, brach grelles Sonnenlicht über mich zusammen. Erst als ich auf die Thompson Road abbog, drehte ich die Klimaanlage aus und fuhr alle Fenster runter. Die Musik strömte nach draußen auf die Straße, meine Haare verfangen sich fliegend in der Sitzlehne und ich war auf der Flucht nach Alexandria. Louisa öffnete die Wagentür und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.  Kurz schauten wir uns wortlos an, dann fuhr ich wieder an, sie warf noch schnell die Tür zu. Louisa Trüber, meine Freundin für alle schrägen Momente, oder auch für die, in denen gar nichts los ist. Auf unserer ersten Flucht nach Alexandria hatten wir noch eine Wegbeschreibung von Google Maps dabei und ich musste auf Anweisungen wie „Nächsten Exit links nehmen“ reagieren, später nahm ich jeden Exit blind. Unsere Flipflops lagen auf dem Rücksitz und wir hörten Clueso. Louisa  mag das letzte Lied „Abspann“ nicht, weil er da über niedliche Brüste singt: „Jedes Mal fängt das Lied gut an und ich freue mich drauf, dann kommt das und ich kann’s einfach nicht mehr mögen. Was ein blöder Ausdruck.“ Breit Grinsend sang ich laut mit: „Ihr Blick so südlich – und alles staunt! Ihre Brüste niedlich – wie Kaffee mit Schaum!“

Die Fahrt dauerte immer vierzig Minuten und war nur ein kleiner Teil unserer Flucht. Alexandria ist eine typisch amerikanische Hafenstadt und wir fingen an, sie unsere ruhige Insel im Alltagschaos zu nennen. Wir besuchten im Old Town Alexandria „The Christmas Attic„, ein Weihnachtsgeschäft für’s ganze Jahr. Direkt daneben holten wir uns ein Ben & Jerry’s-Eis, die Straße weiter unten was aus Starbucks. Dann kam ein kleiner Rundgang über den Hafen, der auf der ultimativen Wiese endete. Dort liegend, den knalligen Himmel über uns und das an das Ufer schwappende Wasser neben uns, atmete ich den Grasgeruch ein und bewahrte mir minutenlang dieses unglaublich lebendige Gefühl. Jede Fahrt sollte auf einer solchen Wiese enden. Louisa las die Biografie von Anthony Kiedis, manchmal laut. Ich glaube, ich las gar nichts, vielleicht schaute ich ihr einfach zu.

Keiner meiner Fahrten endet mehr in Alexandria, ich bin zu weit weg. „Wir konnten keine Route zwischen Darmstadt und Alexandria, Virginia, Vereinigte Staaten berechnen“, sagt mir Google Maps. Es wird Zeit mir eine neue Insel zu suchen.

 

Nächsten Dienstag veröffentliche ich wieder einen neuen Beitrag. Wer verirrte Beiträge auch mitkriegen will, einfach rechts auf „Per Email abonnieren“ klicken. Bis dann!

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3 Gedanken zu “Jede Fahrt sollte in Alexandria enden

  1. Ja, waren wir. Alexandria. Ach, Alexandria. Und das mit den niedlichen Bruesten hast du dir gut gemerkt! Find ich immer noch doof :D

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