Die Brücke nach Schweden

Der Wind schleudert alles, was er finden kann, mal nach links, mal nach rechts. Und ich bin mittendrin, habe mich selbst in das windige Leben hinausgeworfen und die Orkanwarnungen ignorierend lasse ich mich vom Leben hin und her schleudern. Ein Schild weist mich darauf hin, dass jetzt die letzte Tankstelle in Deutschland kommt und ich stelle mich darauf ein loszujubeln, sobald ich sie erreiche. 2km. 1000m. 500m. Dann kommt nichts mehr. Enttäuscht über den unspektakulären Grenzübergang vergesse ich zu jubeln. Bei einem Schild mit fremden Städtenamen sage ich leise und leicht die Hand hebend: „Yay.“ Aber nur, weil ich mir versprochen hatte, zu jubeln.

An einer Tankstelle halte ich an, um blyfri 98 zu tanken. „Hi“, sagte ich zu dem Jungen hinter der Theke. Und dann etwas beschämend: „I need help to put gas in my car. I don’t get the system…“ Er lacht, ein bisschen zu laut. Dann erklärt er mir, wie es funktioniert. Ich bezahle zuerst, dann gehe ich raus in die Kälte und tanke. Danach muss ich noch mal hinein, um mein Wechselgeld zu kriegen. Ich bin kurz davor ihn aufzuklären, wie umständlich das Tanken in Dänemark ist. Stattdessen streune ich durch die Regale voll fremdartiger Süßigkeiten und kaufe einen seltsam aussehenden Schokoriegel (der zu süß ist). Ich bezahle mit Euro und bekomme dänische Kronen zurück. „One more question“, sage ich. Er strahlt mich an und das tut gut, weil ich nach der langen Fahrt schon lange mit niemanden mehr geredet hatte. „Is there any food typical for Denmark?“ Er hat keine Ahnung. Ich wusste auch erst, was typisch für Deutschland ist, als es mir im Ausland von Nichtdeutschen erzählt wurde. Schließlich ruft er mir doch noch hinterher: „Oh, I know! For some reason Denmark is really famous for Hot Dogs!“ Nein, ich würde keinen dänischen Hot Dog probieren. Im Gehen werfe ich noch ein: „Okay, thanks. Have a nice day“ nach hinten und bin wieder draußen im Unwetter. Ich fahre lange, mit dem Radio diskutierend, denn am Abend will ich schon in Schweden sein. „Klik klak klik klak Katy Perry!“ – „Du hast doch nicht etwa gerade Katy Perry angekündigt? Ich hab dir doch schon vorhin gesagt, dass ich Katy Perry nicht leiden kann!“ Und dann Katy Perry: „You think I’m pretty, without any make-up on!“ Weil ich nichts zu tun habe, singe ich mit ihr resignierend im Duett. Mit jedem Mal bin ich ein bisschen besser.

Schließlich bekomme ich doch noch mein Jubeln. Hinter Kopenhagen ist die Øresundsbron, eine Brücke, die Dänemark mit der schwedischen Küste verbindet. Sie ist die längste Schrägseilbrücke weltweit, was auch immer das bedeuten mag. Es ist schon dunkel, als ich mit 20km wegen Sturmgefahr über die Brücke wackele. Hinter mir liegt das Glitzermeer Dänemarks, vor mir das Glitzermeer Schwedens. Nach einem sprachlosen Moment jubele ich mir die Seele aus dem Leib. Ich stelle mir einen unsichtbaren (ebenfalls jubelnden) Mitfahrer vor, der Snapshots von der Brücke, mir und dem Meer macht. Ich, schreiend, nur mit rechts lenkend, weil meine andere Hand aus dem offenem Fenster ragt und mit dem Wind fliegt (nein, viel zu kalt dafür). Ein dritter jubelnder Mitfahrer macht ein Foto von hinten, man sieht meinen Hinterkopf, mein Ohr und vor mir die schwarze Brücke ins Lichtermeer hineinführend. Noch eins, diesmal wieder vom anderen Mifahrer. Ich schaue in die Kamera und man kann nicht sagen, ob es wirklich das Leuchten in meinen Augen ist oder nur das glitzernde Meer, welches sich darin wiederspiegelt. Und so fahre ich vom Wind angetrieben nach Schweden, die Schnappschüsse immer in meinem Kopf behaltend.

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2 Gedanken zu “Die Brücke nach Schweden

  1. Danke für Schweden Teil II! Besonders die „Schnappschüsse“ haben mir gefallen (nur wie hast du es hinbekommen mit links zu lenken und die rechte Hand aus dem Fenster zu halten?).

    1. Da hast du mich erwischt, das war kein Könnnen im Verrenken, das war pure Gedankenverwirrtheit! Danke für den Hinweis, ändere ich gleich ;-) PS: Ich schreibe gerade übrigens am nächsten Teil.

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