Er, seine Frau und die frühere Geliebte

Ich kichere in mich hinein und erschrecke, weil ich doch laut gekichert hatte. Ein Blogbeitrag über’s Bahnfahren! Ich sitze in meiner Küche,  mit angezogenen Beinen, weil mir noch kalt von draußen ist. In einem kleinen Topf kocht gerade mein Kakao über. Zwei Minuten später sitze ich wieder, mit vorsichtigen Fingern meine dampfende Tasse haltend. Neugierig beuge ich mich über den Bildschirm (und höre Bianca, meine Mitbewohnerin, in Gedanken erinnernd zischen: „Gerade sitzen!“ und ich versuche mich irgendwie aufzurichten.) Ein Blogeintrag über das Bahnfahren von jemand anderem! Der Titel verspricht wenig: „Ich bin schwarz gefahren“ und ein trauriges Smiley. Nein, sogar ein Smiley mit zwei traurigen Mündern. Ich beginne nur zu lesen, weil es um das Bahnfahren geht. Das ist eigentlich mein Job!, denke ich. Fast ein wenig trotzig. Mal sehen, wie du meinen Job machst.

Während ich lese, ab und zu am Kakao nippend, erscheint der Autor gegenüber auf dem anderen Küchenstuhl, ebenfalls mit einer Tasse in der Hand.  „Am Sonntag war ich mit meiner Frau abends zum Essen im Fonda1 in der Südstadt an der Bottmühle verabredet“, erzählt er mir. Er ist etwa dreißig mit hellbraunem, stumpfen Haar und hat die merkwürdige Eigenart, seine Tasse auf seinem Knie zu balancieren. Zu Fuß war ihm die Strecke zu weit, erzählt er mir weiter, daher nahm er die Straßenbahn. „Zerstreuter Professor, der ich war, die Nase tief in das Buch gesteckt, hatte ich doch glatt vergessen, meine Mehrfahrtenkarte abzustempeln.“ Sofort altert der Mann vor meinen Augen um zwanzig Jahre. In sein braunes Jackett malt sich ein kariertes Muster und statt der Tasse balanciert er nun ein Buch auf seinem Knie. Klappt auch besser. Mit nun leicht kratziger Stimme fährt er fort, dass bei seinem Glück natürlich sofort ein Kontrolleur auftauchte.Er sprang auf, um schon an der nächsten Haltestelle auszusteigen, aber dort stand auch ein Kontrolleur und fing die Aussteigenden ab. „Diese Lumpen!“, lacht er und ich zucke zusammen, weil er plötzlich so laut ist. Er saß also peinlicherweise in der Falle. Eine Frau mit Webpelz bekleidet – „Moment!“, unterbreche ihn, „Was ist Webpelz?“ Irritiert schaut er mich an, weil ich das nicht weiß. „Kein echter Pelz“, sagt er leicht genervt. Ich habe seine Erzählung mit einer dummen Frage gestört. Er braucht einige Sekunden, um zurück zu finden. Jedenfalls setzte sich die webpelzbekleidete Frau ihm gegenüber. Er spingt auf und imitiert eine kecke Frauenstimme: „Na, haben wir denn eine Fahrkarte, junger Mann?“ Er stellt sich der imaginären Frau gegenüber und war ganz kleinlaut: „Ach du, sagte ich, denn die Dame kannte ich. Sie war eine frühere Geliebte von mir. Sitzt du schon lange hier in der gleichen Bahn?“ Wieder wechselt er die Position und verfällt in einen lächelnden Monolog: „Ich beobachte dich schon eine Weile, aber du siehst nichts. Andere hätten schon längst gemerkt, wenn jemand sie fixiert, aber du – immer die Nase im Buch. Nix sehen, nix hören, nix sagen.“

Jetzt ist er still. Jeden Muskel angespannt warte ich stumm auf seine nächste Reaktion. Ich traue mich nicht, ihn wieder zu unterbrechen. Er setzt sich zurück auf seinen Stuhl und balanciert wieder sein Buch auf dem Knie. „Aber meine frühere Geliebte hat mich dann doch mit ihrer Seniorenkarte  aus meiner Verlegenheit gerettet. Ja, auch die Geliebten sind mit der Zeit gegangen,“ fügt er in meine Richtung grinsend hinzu. Ich stelle mir eine Affäre zwischen ihm und einer älteren Frau vor. Seine Retterin stieg sogar an der selben Haltestelle aus, aber er war ja dort mit seiner Frau verabredet. „Aber das war auch kein Problem. Die Dame mit dem Webpelzchen, mein Schutzengel und frühere Geliebte, ist auch heute noch meine Geliebte. Sie ist zusätzlich auch noch mit mir verheiratet, also meine Frau.“

Vor meinen Augen altert er nochmals um zwanzig Jahre, sein Haar ist nun vollends weiß-grau und sein Körper versinkt in seinem übergroßem Jackett. Er lächelt und seine Hand liegt still auf dem ruhenden Buch. Während ich mich zurücklehne und strecke, löst er sich auf. Sein Buch fällt mit einem stumpfen Geräusch offen auf den Boden, mit dem Buchrücken nach unten und einige Seiten einzeln in die Höhe stehend.

Dipl. Ing. Bernd Lambertz  ist Tragwerksplaner und Bauphysiker in seiner Ein-Mann-Firma und lebt in Köln. Er schreibt für stadtmenschen.de und Ende 2007 erzählte er dort in seinem Blog, wie ihn seine frühere Geliebte beim Schwarzfahren rettete. Alle Zitate sind daraus übernommen. Heute ist er 69 Jahre alt.

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4 Gedanken zu “Er, seine Frau und die frühere Geliebte

  1. Ich finde deine Gedanken und Vorstellungen, wie dir der Autor gegenüber sitzt und dann altert und die Tasse sich in ein Buch verwandelt total toll beschrieben. Das mag ich alles. Aber ich finde, du hättest den Text ingesamt knackiger schreiben können, also etwas kürzer einfach – ansonsten charmant wie immer

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