Ohne Bett in Malmö

Was zuvor geschah: Hanna wacht auf und denkt sich „Ich fahr nach Schweden!“, Hanna macht einen Zwischenstopp in Hamburg, Hanna durchquert Dänemark, fährt über eine tolle Mautbrücke nach Schweden. 

Als ich auf der anderen Seite war – hinter der Brücke, hinter den Maut-Gebühren, hinter dem Wind – verließ mich jede Energie. Mein Ziel für diesen Tag war erreicht – die schwedische Stadt Malmø umgab mich. Was ich nicht berechnet hatte, war mein eigentliches Ziel für jeden Tag: Einen Schlafplatz finden. Bevor ich losgefahren war, hatte ich eine kleine To Do-Liste für meinen Trip im Kopf erstellt: Eine Nacht im Auto schlafen. Von den großen Straßen abkommen und durch die Gegend irren. Etwas typisch Schwedisches essen. Mir irgendetwas unsinniges kaufen, was mich an Schweden erinnert. Solche Dinge. Touristische, abenteuerliche, lebendige Dinge. In Malmö wurde mir bewusst, wie abenteuerlich abenteuerliche Dinge eigentlich manchmal sind. Es stürmte, es war nass und kalt, wie sollte ich darin auch nur eine Minute iom Auto schlafen können? Eine müde Hanna fuhr also an fremdsprachigen Schildern vorbei und versuchte in kleinen Schritten zu denken. Erstens: Irgendwo in der Innenstadt einen Parkplatz finden. Zwischen jedem Schritt brauchte ich einen ruhigen Moment, in dem ich nur atmete. Ich vermied es meine Abenteuerwut zu verfluchen und ermahnte mich in kleinen Schriten zu denken. Zweitens: Einen netten Menschen finden.  Ich taumelte auf das Kopfsteinpflaster und wäre fast von dem Wind über die Dächer hinweg weggetragen worden. Für eine Stadt war hier viel zu wenig los. Ich erkannte einen menschlichen Schatten und wirbelte ihm hinterher. „Excuse me!“, rief ich und als der Schatten – ein gutaussehender Kerl in meinem Alter- stehenblieb und mich erwartungsvoll anschaute, wusste ich nicht weiter. Blöde, kleine Schritte! „I need to find a cheap place to stay for the night, do you know any… uhm… like a hostel or bed & breakfast?“ Ich muss die verwirrteste Person gewesen sein, die ihm je begegnet war; und wäre ich nicht so energielos gewesen, wäre ich wahrscheinlich vor Peinlichkeit davongelaufen. Er tat so, als ob er jeden späten Abend von gestrandeten Mädchen angesprochen wird (vielleicht war das ja tatsächlich der Fall). Er nahm mich an den Schultern und schob mich zu einem Restaurant. Er arbeite dort und ich solle die Bedienung fragen, die würde mich helfen können. Das tat ich: „Hello, Sebastian sends me. He said you could help me…“ Sie ist blass mit dunklen Haaren und hat das wärmste Lächeln. Wäre das mein Film, ich würde genau sie für die Rolle meiner mich rettendetn Barkeeperin wählen. Sie gibt mir mehrere Flyer von Übernachtungsmöglichkeiten und „Thank you, thank you thank you!“ sagend laufe ich zurück zu meinem Auto, denn ich stehe im Halteverbot.

Die erste Adresse eines Hostels erwies sich als fragwürdig. Es stand nichts dran, aber als jemand herauskam, schlüpfte ich durch die Tür. Ein dunkler, langer Flur mit mehreren abzweigenden, nummerierten Türen und eine gemeinsame Küche: Das war eindeutig ein Hostel, nur der Empfangsschalter fehlte. „Hello?“, fragte ich mehrmals schüchtern. Ich suchte nach versteckten Personen, aber niemand war da. Entkräftet stand ich einfach da und stritt mit mir selbst: „Warum zur Hölle hast du jemals dein Bett Zuhause verlassen?“ – „Der Wind hat mich geweckt und ich wollte etwas erleben…“ – „Verdammter Wind! Hättest du doch bloß den ganzen ersten Tag im neuen Jahr verschlafen!“ Plötzlich öffnet sich die Hosteltür und vor mir stand ein Mann in einer riesigen, nassen Regenjacke, ein bisschen älter als ich. Er blieb stehen, den Schlüssel noch steckend und sah mich verwundert an. Ich musste wie ein Geist in einem japanischem Horrorfilm wirken, so wie ich in der Mitte des dunklen Flurs stand und ihn traurig anblickte. „Hi“, sagte er, verunsichert. „Hi“, sagte ich zurück und dann gar nichts mehr, weil ich nichts mehr wusste. „Can I maybe help you?“ und froh nickte ich: „I was looking for a bed for the night.“ Er wusste aber auch nicht, wie das funktioniert. Sein Arbeitgeber hatte ihm das Zimmer besorgt, aber er hatte eine Telefonnummer und ließ mich sogar sein Handy benutzen. Wir standen noch immer im Flur und als mir die Frau an der anderen Leitung erklärte, dass um diese Uhrzeit kein Zimmer mehr vergeben wird, wollte ich am liebsten gleich wieder heimfahren. Wir setzten und kurz in die Küche und ich nach einer kurzen Erholung, machte ich mich wieder auf die Suche nach einem Bett. Eine Stunde später hatte ich es, überteuert und hässlich, aber warm und für mich alleine, genau richtig. Draußen peitschte der Wind an die Scheibe und wollte mich weitertreiben. „Halt die Schnauze,“ murmelte ich, „ich fahre erst morgen weiter.“ Ich war sofort eingeschlafen.

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4 Gedanken zu “Ohne Bett in Malmö

  1. Eine schöne Fortsetzung, wobei ich es ein bisschen ungerecht finde den Wind für deine Unstetigkeit verantwortlich zu machen. Nichts desto trotz: fahr weiter!

    1. Stimmt. Aber manchmal braucht man auch etwas, dem man die Schuld geben kann. Man kann sich nicht immer eingestehen, dass man seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Oder?

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