Die Westküste Schwedens hoch

Es gibt eine Sache, die ich mir für mein ganzes Leben vorgenommen habe: Egal, wobei ich bin, ich werde mir immer die Zeit nehmen, um die Schnellstraße zu verlassen und kleine Seitenwege zu nehmen. Im Auto, zu Fuß, im Leben. Also wähle ich wahllos eine Abzweigung und kaum bin ich weg von der schnellen Straße, erstreckt sich mir eine gerade Straße durch nasse Hügel. Kaum drei Kilometer weiter, halte ich kurzentschlossen mitten auf der Straße an, ich kann weit nach hinten sehen, dass kein Auto kommt. Vor mir ist das Meer. Es ist immer noch stürmig und ich sehe die Wellen zwischen den Hügeln heranpreschen. Ich parke mein Auto an der Seite und muss feststellen, dass es keinen Weg zum Meer gibt. Niedrige und hohe Büsche wachsen mir ins Gesicht, aber ich sehe es nicht ein aufzugeben. Vergessen ist der gestrige Unmut, ich verfluche nicht mehr die Abenteurerin in mir, jetzt bejubele ich sie wieder. Ich zücke mein symbolisches Schwer und marschiere los, mittenrein. Kaum habe ich die Büsche betreten, befinde ich mich in einem Labyrinth und irre umher und ich liebe es, denn manchmal kann Herumirren das schönste im Leben sein. Endlich beim Meer angelangt stehe ich verfroren, aber glücklich weit genug entfernt stehen, denn ich traue mich nicht näher hin. Es tobt und leckt sich die Lippen nach mir. Der Sand ist grob und zerklüftet, zerteilt mit großen, flachen Steinen und Seetanghäufchen. Langsam komme ich doch näher, wozu bin ich sonst hier, und ich meine Schritte machen schmatzende Geräusche. Links und rechts von mir entdecke ich zu meiner Freude in der Ferne jeweils eine kleine, für Schweden typisch rote Hütte. Ich bin ganz allein hier, wer sollte auch bei so einem nassen Wind nach draußen kommen.

Wieder auf der Straße begleitet mich ein Schwarm Gänse für eine Weile. Sie fliegen über mir im blau aufreißendem Himmel, bis ich schließlich den Weg in den Norden einschlage und sie mich mit der Straße alleine lassen. Das Schwede, dass ich kennenlerne, ist hügelig und dazwischen sammeln sich größere und kleinere Pfützen von Regenwasser, vielleicht sind es auch schon Seen. Auf geraden Wegen komme ich schließlich an vereinzelten Häusern vorbei und ich merke, wie hungrig und einsam ich gerade bin. Ich brauche etwas zu Essen und ein menschliches Gesicht, allerdings habe ich eine Stunde später immer noch nichts gefunden, was bewohnt aussieht. Endlich sehe ich ein kleines Schild: „Pizza“, aber ich bin mir unser. Es steht vor etwas, was aussieht wie eine Scheune. Es wird duster und still, daher stehe ich länger vor der angeblichen Pizzaria, weil ich mich nicht hineintraue. Mein Hunger und meine Neugierde überwiegen und ich öffne vorsichtig die schwere, alte Holztür: Eine Pizzaria! Ich atme auf, als ich einen schwedischen Italiener vor einem billigen, mit Lichterketten geschmückten Thresen sehe. Er strahlt mich an, nach meinen Einschätzungen muss ich der erste Kunde seit Wochen sein (wahrscheinlich nicht). Er sagt etwas Schwedisches, ich versuche es auf Englisch, aber ernte nur einen verwirrten Gesichtsausdruck. „English?“, fragt er und dann: „No English.“ – „Oh.“ Ich schweige einen Moment verzweifelt, aber versuche es dann, indem ich einen runden Kreis mit meinen Händen auf den Thresen male: „Pizza?“ Er strahlt wieder und malt meinen Kreis in der Luft nach: „Pizza, Pizza!“ Ich schaffe es sogar noch, einen Tee zu bestellen – ich lasse mich von der Sorte überraschen, denn das würde zu kompliziert werden – und lasse mich müde, aber glücklich auf einen Stuhl fallen. Warm ist es in der kleinen Hütte leider nicht. Als der Tee kommt, trinke ich den stärksten Schwarztee meines Lebens, die Pizza ist nicht lecker, aber sie macht satt. Der schwedische Italiener kann doch etwas Englisch und betreibt die ganze Zeit etwas Konversation: „Where from?“ Nach ein bisschen Kauen antworte ich: „Germany“ und bemerke, dass er mich nicht versteht. „Deutschland!“, versuche ich es deshalb und obwohl er mit einem „Ah“ antwortet, versteht er mich wohl immer noch nicht. Am Ende bekomme ich den Tee aufs Haus und fahre mit einem Bauch voller Pizza weiter bis nach Helsingborg. Hier will ich übernachten und zwar diese Nacht im Auto. Ich glühe vor Aufregung. Von der Stadt sehe ich in der Dunkelheit und im Regen nicht viel, daher verschiebe ich die Besichtigung auf den nächsten Tag und suche mir unweit des Hafens einen ruhigen Parkplatz. Nur das Straßenschild kann ich natürlich nicht verstehen, daher gehe ich in den nächsten Buchladen, um nachzufragen. In Schweden habe ich schnell gelernt, um Hilfe zu fragen. Ein hübscher Blonder rennt also extra raus, um das Schild für mich zu übersetzen und erklärt mir dann, dass man die ganze Nacht bis neun dort ohne Parkschein stehen kann. Dazu bekomme ich noch jede Menge Helsingborg-Tipps, eine Wegbeschreibung zum nächsten Kino; er erhält zum Dank mein breitestes Lächeln und ein paar „Thank yous“. In einer Bar voller blonder Menschen trinke ich einen undefinierbaren, aber leckeren Tee (ich habe mit Absicht einen mit unbekannten Namen gewählt, den ich aber leider sofort wieder vergessen habe), im Kino sehe ich einen schlechten Film auf Englisch und ich entdecke eine Burg, auf deren Spitze ich mich vollregnen lasse. Schließlich krieche ich zurück ins Auto, schließe ab, ziehe mich mit warmen Sachen an und verschwinde bis zum Haaransatz in meinem Schlafsack. Nur einen Atemzug lang realisiere ich noch, wie schön dieser Tag war, dann bin ich schon eingeschlafen.

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4 Gedanken zu “Die Westküste Schwedens hoch

  1. Ich beobachtete sie schon eine ganze Weile. Fast andächtig kam ihr Auto die Straße zwischen den Hügeln entlang. Ich dachte zuerst sie wäre auf der Suche nach etwas, hätte etwas verloren und hielte nun Ausschau danach.
    Obwohl es erst früher Nachmittag war, gab mir der schwere graue Himmel das Gefühl es dämmere schon. Langsam kämpfte sich ihr Wagen den letzten Anstieg hinauf, rollte über den vom Frost brüchig gewordenen Asphalt. Durch das offene Fenster konnte ich zwischen dem Motorengeräusch das Knirschen der kleinen Steine hören, die sich im Profil der Autoreifen festgesetzt hatten. Zunächst dachte ich sie führe vorbei. Doch ebenso langsam wie sie die Straße hinaufgekommen war, lenkte sie jetzt auf einen der leeren Parkplätze.
    Es vergingen sicher 2-3 Minuten, ehe die Tür des Wagens aufschwang und erst jetzt erkannte ich, dass es eine Frau war. Eine junge Frau, Anfang 20 vielleicht; mit schwarzem Haar, Jeans und einer schwarzen Regenjacke aus der am Kragen ein dicker Schaal herausschaute. Sie lief noch einmal um ihr Auto, schaute sich um und blickte schließlich eine Weile zu dem großen Schild mit der Aufschrift „Pizzeria“.
    ´Soll ich wirklich in diesen Schuppen gehen` – ich konnte ihre Gedanken förmlich hören. Schließlich entschied sie sich. Sie ließ den Autoschlüssel, den sie noch immer in der Hand hielt, in die Tasche der Regenjacke fallen und kam dann mit langsamen Schritten auf die Tür zu. Ehe sie endgültig gegen das schwere Holz drückte, schaute sie sich noch einmal um.
    Ihr Lächeln war unsicher als sie auf den Tresen zukam. Ihre Stiefel klapperten auf den Dielen. Ich sagte „hej“, aber sie schien nicht zu verstehen und murmelte nur „english?“. Nein, englisch mochte ich nicht mit ihr sprechen. Ich wollte sehen, wie sie sich schlagen würde. Mit einem unsicheren Lächeln hob sie die Hände, vertrete die Augen Richtung Decke und versuchte mir etwas zu zeigen. Ihre Hände beschrieben einen Kreis auf dem Tresen. In einer Pizzeria ist relativ eindeutig was mit einer solchen Geste gemeint ist. Ich zeigte ihr, dass ich verstanden habe und wollte gerade in der Küche verschwinden, als sie mich zurückrief, und Daumen und Zeigefinger gestreckt aneinandergelegt dreimal rhythmisch auf und ab bewegte. Einen Tee also. Gut. Ich ging in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein und begann die Pizza zu belegen. Durch den Türspalt konnte ich sie beobachten. Sie hatte sich den langen Schaal vom Hals gewickelt, die Jacke aber angelassen. Ich war erst seit gut einer Stunde da und die Heizung hatte es noch nicht geschafft die Kälte aus allen Ecken zu vertreiben.
    Der Schalter des Kochers schnappte geräuschvoll nach oben. Ich warf einen Beutel Tee in einen Becher und füllte ihn mit heißem Wasser.
    Als ich wieder zurück bei Pizza und Türspalt war, stand sie neben ihrem Tisch und blickte aus dem Fenster – hinaus in die Hügel. Sie war ganz dort draußen. Ich musste sie einen Moment lang beobachten.
    Die Pizza! Ich streute Käse über den Belag, schaltete den Ofen an und schob das Blech hinein. Verdammt, der Tee. Es waren sicher mehr als 5 Minuten, die er schon im Wasser lag. Ich nahm den Beutel raus, stellte Becher, Milch und Zucker auf ein Tablett und brachte es nach Draußen. Sie hatte sich wieder gesetzt, sagte ´Thank you´ als ich den Tee vor ihr abstellte und schlag sogleich ihre Hände um das warme Porzellan. Ich sagte, ihr, dass der Tee etwas stark sei, aber ich glaube nicht, dass sie mich verstand. Ich fragte sie woher sie käme. „Germany“ sagte sie. Ich tat so, als wüsste ich nicht wovon sie spricht und es machte mir ein bisschen Spaß sie bemüht nach anderen Vokabeln suchen zu sehen, die ich vielleicht würde verstehen können.
    Als ich nur mit den Achseln zuckte wurde sie ungeduldig, ihre Brauen rutschten ein Stück aufeinander zu und sie dachte wohl wie man in Schweden leben konnte, ohne richtig englisch zu sprechen.
    Ich hörte ein leises Bing aus der Küche, das Zeichen, dass die Pizza fertig war. Der Ofen war noch kalt gewesen, so dass der Teig ein wenig matschig geblieben war. Ich merke es allerdings erst, als die Pizza schon auf dem Teller lag und ich begonnen hatte sie in dreieckige Stücke zu zerschneiden. Es musste so gehen.
    Ich servierte die Pizza, zog mich dann hinter meinen Tresen zurück, spülte die Gläser, die vom Tanz gestern Abend noch übrig waren und schaute ab und zu zu ihr hinüber. Sie aß schnell, spülte die Bissen mit kleinen Schlucken bitteren Tees hinunter und schaute immer wieder hinaus zu den Hügeln.
    Der Teller war kaum leer, da zeigte sie mir (wieder mit einer Handbewegung), dass sie zahlen wolle. Ich berechnete ihr nur das Essen, sagte der Tee ginge auf´s Haus und schon war sie draußen. Im Gehen wickelte sie sich noch ihren Schaal um den Hals. Als ich zum Fenster kam, rollte ihr Wagen bereits vom Parkplatz auf die Straße und dann weiter in die dunklen Hügel hinein.

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