Unsere gemeinsame Zugfahrt. Die letzte.

„Setz dich doch neben mich“, sage ich und du lehnst dankend ab. Du hättest es auf meiner Hand viel gemütlicher und generell und sowieso. Du willst für immer auf ihr sitzen bleiben.Die Zugfahrt ist noch lang und meine Hand tut weh. Ich sage nichts und lass sie dir, denn ich habe dich gern. Du bist viel kleiner als ich und trotzdem fängt mein kleiner Finger unter deinem Gewicht an zu zucken. Sofort fällt es dir auf und du fragst, ob du ihn zum Beruhigen streicheln sollst. „Brauchst du nicht“, aber du tust es trotzdem, denn du hälst es für falsche Bescheidenheit. Mit deinen winzigen Händen knetest du meinen Finger, ich spühre die Berührungen kaum und spühre sie viel zu sehr. Ich wende mein Gesicht ab, denn ich will dir meinen Blick nicht zeigen. „Setz dich doch neben mich“, sage ich. Setz dich neben mich, setz dich neben mich, setz dich neben mich und du lehnst dankend ab, du bliebest lieber in meiner wunderschönen Hand. „Sie ist nicht schön“, sage ich und du knetest einfach weiter, ich wüsste gar nicht, wie wunderschön sie sei. „Du weißt gar nicht, wie hässlich sie ist“, aber du hälst es weiterknetend für falsche Bescheidenheit. „Das reicht“, ich nehme dich zwischen zwei Finger und setze dich neben mir ab, aber ziehst dich sofort wieder an meinem Schal hoch und springst gekonnt zurück auf meine Hand. Ich habe vergessen, wohin wir fahren, ich will auch nicht mehr ankommen, nur aussteigen. Jetzt verberge ich auch nicht mehr meinen Blick und du erschrickst, denn er zeigt dir schreienden Hass, denn meine Liebe schweigt. „Ich tu das nur für dich“, sagst du. „Tu was für dich!“, aber das verwirrt dich nur mehr: „Du kannst dich auch jederzeit in meine Hand setzen, ich beschütze dich immer!“ – „Deine Hand ist viel zu klein für mich.“ – „Vielleicht bist du auch mal klein.“ Ich blicke auf deine kleinen Fingerchen und flüstere leise, und ich sage es nicht nur zu dir zum ersten Mal, sondern auch zu mir: „So klein kann ich nicht werden.“ Vor lauter Unbeholfenheit fängst du wieder an meinen kleinen Finger zu kneten. Ich umschließe dich mit meiner Hand und schleudere dich weit von mir. Du landest mit Wucht auf dem Sitz gegenüber und ich habe dir mehrere Knochen gebrochen. Ich schnipse dich vom Sitz herunter, weg von mir, damit du wieder größer werden kannst. Doch du klettert wieder den Sitz hoch und suchst unter Schmerzen in meiner Jackentasche nach meiner Hand; ich glaube zu sehen, dass du noch ein Stück geschrumpft bist. Ich gebe es auf jemals in deiner Hand verschwinden zu können.

Als wir aussteigen, greifst du nach meiner Hand und ich lasse dich gewähren, denn ich habe es aufgegeben. Obwohl wir in die gleiche Richtung gehen, entfernen wir uns voneinander. Um uns herum ist ein Tumult von Ein- und Aussteigenden, sie sehen nur zwei in Hand und Hand, du ein bisschen größer als ich gewachsen. Schließlich lasse ich dich stehen, und so gerne ich dich anschauen möchte, ich blicke nicht zurück. Meine Hände sind tief in meinen Taschen vergraben. Ich weiß, dass ich sie irgendwann wieder herausholen muss, aber jetzt gehören sie nur mir. Viele Schritte später drehe ich mich doch kurz um, denn ich hab dich gern. Weit entfernt stehst du und blickst mir noch nach, und mit Erleichterung sehe ich, wie groß und wunderschön du nun bist. Mit jedem Schritt wirst du ein Stückchen größer und schließlich wächst du über dich hinaus.

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2 Gedanken zu “Unsere gemeinsame Zugfahrt. Die letzte.

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