Der Ku-Klux-Klan ohne Ticket

„Du hast nicht wirklich die Tickets liegen lassen?“, wird durch den Zug gebrüllt und ich schrecke hoch. Gerade noch war ich im wilden Finale meines Buches vertieft, jetzt versuche ich das Gebrüll zuzuordnen. Wenige Meter weiter entdecke ich eine Gruppe von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern (Ein so einfaches Wort und so viele komplizierte Bindestriche). Einer von ihnen hat die Kapuze unten und ich erkenne einen türkischen jungen Mann. Zumindest vermute ich, dass er türkisch ist. Da alle jetzt anfangen wütend durcheinander zu brüllen und die ganze Diskussion im Chaos versinkt, kann ich unmöglich sagen, um was es tatsächlich geht.Nur die „Tickets“, die kann ich heraushören. Zumindest wurden sie irgendwo liegengelassen und einer von ihnen ist schuld. Jetzt ist die ganze Zugfahrt umsonst, da muss man eben brüllen. Ich bin so vertieft in dem unkontrolliertem Streit, dass ich erst spät merke, wie mich die Frau gegenüber von mir angrinst. Auch sie hat ein Buch in den Händen, fast noch am Anfang aufgeschlagen, und anscheinend wurde sie genauso wie ich von dem Klan abgelenkt. „Da spielt sich ja ein regelrechtes Drama ab, was?“, sagt sie und ich nicke grinsend zurück. Sie ist süß. Ihre Haare sind recht kurz und weinrot gefärbt, unter dem linken Auge hat sie ein dunkles Muttermal. Ich schätze sie auf Anfang Vierzig und sie ist mir sofort sympathisch. „Bahnfahren ist manchmal besser als Kino“, sage ich und sie freut sich riesig über meinen Kommentar: „Man kann ganze Geschichten beobachten, die sind auch viel authentischer und teilweise sogar genauso spannend.“ Ich mag den Gedanken und das sage ich ihr. Wir versuchen beide mit schrägem Kopf dem Gebrüll zu folgen, aber es ist nicht geordneter geworden. „Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie man sich zehn Minuten lang so anbrüllen kann. Man sollte doch bemerken, dass man so keinen Ergebnisse sieht.“ – „Ich kann dem Ganzen sowieso nicht richtig folgen. Anscheinend geht es um Tickets, die einer von ihnen verloren hat.“ Sie weiß es besser: „Nein, nein, nein. Er hat die Tickets bei sich Zuhause liegen gelassen und sind jetzt auf der Fahrt dorthin, wofür sie die Tickets gekauft hatten.“ – „Oh.“ Sie grinst böse und ich grinse mit. Tragisch für den Klan, aber amüsant für uns. Sie sitzt mit dem Rücken zu ihnen, daher kann sie sie nicht so gut beobachten wie ich. Ich beschreibe ihr, was passiert, als Bewegung in den Klan kommt. Ein Mann mit falschem Schnurrbart und großem Sombreo mit Bommeln daran setzt sich neben mich und ist leicht verwirrt von meinen Schilderungen. Wir klingen wie Spione. „Anscheinend sind sie jetzt zum Entschluss gekommen, dass sich eine Weiterfahrt nicht lohnt. Sie schimpfen immernoch durcheinander, wobei sie sich jetzt zum nächsten Ausgang begeben haben. Dort weichen gerade Pocahontas und eine Matrosin zurück, sie scheinen wohl etwas verängstigt zu sein.“ Es macht unsere Verkleidung als Geheimagenten perfekt, dass wir die einzigen im Zug sind, die nicht verkleidet sind. Wie Geheimagenten, die sich unter die Menge mischen wollen, und Fasching vergessen haben. Als wir in eine Haltestelle eingefahren sind, fragt die Frau mit den weinroten Haaren: „Steigen sie jetzt aus?“ Ich mache unsere Verkleidung perfekt: „Ja, wobei sie denjenigen, der Mission versaut hat, zurücklassen.“ Fast will ich noch hinzufügen: „Bleib du hier, ich folge den anderen unauffällig!“, aber bei einem Blick auf das Haltestellenschild ändere ich schnell meine Meinung. Da könnte auch gleich stehen: „Hanna, in dieser Einöde solltest du einfach nicht aussteigen!“ Der Sombreo-Mann ist schon verwirrt genug, er ignoriert uns schwitzend und nestelt an seiner Flasche herum. Er ist kein besonders authentischer Mexikaner, denn er bringt Wodka und keinen Tequila mit auf die Party. Die Frau und ich müssen beide lachen und sie sagt: „Sowas müsste man aufschreiben.“ Ich bin kurz davor ihr zu erzählen, dass ich das sogar machen werde und lasse es dann doch. Es ist mir unangenehm, daher sage ich nur lahm: „Ja. Schon.“ Als ich selbst aussteige, laufe ich an dem letzten Ku-Klus-Klan-Mitglied vorbei, welches traurig und hoffnungslos in seinem Sitz hängt. Fast ein trauriger Anblick. Durch das Fenster draußen sehe ich die weinrothaarige Frau noch schmunzeln und ich winke ihr fröhlich zu.

 

Jeden Dienstag kommt einen neuen Beitrag… ja, bis auf letzten Dienstag. Sorry! Dafür gibt’s dieses Mal einen Montag-Beitrag und natürlich auch was am Dienstag.

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