Das Karottenmädchen

Meine Freundin Xu Nguyen redet mit jedem. Sie sagt: „Hey, du wirkst interessant“, wenn ein unbekannter Mensch an einer Haltestelle es ihr angetan hat. Xu lernt Leute in der Post kennen, sie hat Fotos von Unbekannten an ihrer Wand hängen, „weil sie was hatten“. Und diese Menschen freuen sich über das Kompliment, finden sie verrückt und genial, und manchmal vielleicht auch nur verrückt. „Aber sollte man nicht viel mehr so sein?“Sie tischt mir ein gigantisches Frühstück auf, wie versprochen. Es gibt Rührei, knuspriges Baguette und heißen Kakao. Dazu leckere Mandarinen, die letzten Spuren des Winters. Ich will alle aufessen, damit nichts vom Winter übrig bleibt, aber bin viel zu schnell satt. Meine Freundin Xu ist Gestalterin und jetzt sucht sie in ihren vielen Notizbüchern eine ganz bestimmte Skizze und hält es mir hin. Es ist eine Frau und diese hält einen großen Bund Karotten im Arm, umwickelt mit etwas Papier. Die Zeichnung ist nur schemenhaft, noch überhaupt nicht vollendet und trotzdem erkennt man die Zärtlichkeit, mit der die Frau diese Karotten im Arm hatte.

Sie hatte ihr fünfzehn Minuten lang von Frankfurt bis Darmstadt gegenüber gesessen und während Xu sich Geschichten ausmalte, weswegen sie dieses Bündel so liebevoll wie ihr eigenes Kind hielt, begann sie zu zeichnen. Heimlich, denn ihre Faszination war ihr peinlich. Es könnte sein, dass diese Frau aus einem Land ohne Karottenanbau oder -import kürzlich hergezogen war und ihre verstorbene Großmutter ihr immer von dem wundervollen Geschmack erzählt hatte. Karottensuppe. Karottenauflauf. Karottensaft. Karotten zum Dippen, Karotten zu einem Krokodil geschnitzt. Jetzt war sie in Gedanken an ihre Großmutter und hatte zum ersten Mal Karotten gekauft. In welchem Land gibt es keine Karotten? Xu reißt mich aus den Gedanken, indem sie mir erzählt, dass der Zug in Darmstadt einfuhr und beide aussteigen mussten. Sie war fast traurig niemals die wahre Geschichte zu erfahren, da stand die Frau an der Haltestelle neben ihr. Begeistert sagte Xu zu ihr: „Wir saßen doch eben in der Bahn gegenüber!“ und die Frau war überhaupt nicht überrascht. Als wäre es das normalste auf der Welt von fremden Menschen angesprochen zu werden, nur um sich kurz zu unterhalten. Xu vergisst ihren halbvollen Frühstücksteller und sie beugt sich weit vor: „Und das fantastische ist, es gab wirklich eine Geschichte! Die Karotten waren von ihrem Freund. Anstatt Blumen.“ Sofort finde ich die ganze Geschichte noch ein bisschen toller, da es um Menschen geht, die  manchmal andere Wege gehen. „Weshalb?“, frage ich aufgeregt, da das Geheimnis endlich gelüftet werden soll. Xu allerdings lehnt sich wieder zurück und zuckt nur mit den Achseln: „Ich weiß es nicht. Sie musste los und ich habe nur ihren Namen. Wir wollen Kaffee trinken gehen und dann schuldet sie mir die ganze Story.“

Ich schaue wieder auf das Bild und dieses Mal erkenne ich den Karottenstrauß, es ist nicht einfach ein Bündel für die Beilage. Ich versuche mir auszumalen, wie die Frau sie überreicht bekommen hat, doch es gelingt mir nicht. Ich stehe vor einem Rätsel und ich muss genauso geduldig sein wie Xu. Ich frage mich, ob die Frau die Karotten vertrocknen ließ, auf ihrer Kommode liegend, oder ob sie sie doch eher nach und nach in die Pfanne haute. Was hätte ich damit getan? „Und jetzt?“, frage ich ernüchtert, obwohl mir die Antwort doch klar sein sollte: „Tja. Jetzt muss ich sie nur noch finden.“

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7 Gedanken zu “Das Karottenmädchen

  1. Sich über einen Strauß „Daucus carotta“ derart zu freuen… Das muß Liebe sein. Oder auch… Vielleicht lernten sich Beide beim ernten der Möhren kennen… Eine wundervolle Geschichte, liebe Johanna. Ich wünsche eine schönes Osterfest :)

  2. Ich will auch wissen, was für eine Geschichte dahinter steckt. Aber vor allem will ich Xu kennenlernen. Du, Hanna, hast ebenso wie sie das Talent, besondere Menschen zu treffen und genau hinzuschauen. Vergiss das nicht ;-)

    1. Bis jetzt gibt es leider keine Hinweise auf das mysteriöse Karottenmädchen! Xu wird sich auf dich freuen, das lässt sich sicher einrichten :-) Sie ist noch eine ganze Ecke anders als ich, glaube ich. SIe überrennt Menschen manchmal fast mit ihrer Präsenz. Und, wie immer, danke, Caro. Was würde eine Autorin ohne ihren größten Fan machen, der ihr am Winkel der Augen ansieht, ob sie schreibt oder nicht.

  3. Ohhh, ist die Geschichte um das mysteriöse Karottenmädchen gelüftet? Ich frag mich insgeheim, ob nicht Xu in meiner neuen Wohnung tolle Skizzen anfertigen kann? Als Belohnung gibt es Leckereien ;) in Frankfurt hat es mir an eine große Hauswand gesprayte Graffiti angetan… Bilder folgen bald…by the way I love your short stories, keep going in, thumps up ;))

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