Die Sitzplatzverteidigerin und mein Sitzplatz

Wir waren auf dem Weg zum Sushi-Restaurant unseres Vertrauens und dahin kommt man mit einem meist überfüllten Bus. Meine Mitbewohnerin Bianca war am Planen, denn wir hatten einen strikten Zeitplan, wir hatten nicht einmal eine Stunde Zeit zum Essen. Sie versuchte gerade alle möglichen Komplikationen mit einzuberechnen (ich kann in ihren Augen sehen, dass sie am liebsten dazu eine Excel-Tabelle anlegen würde), ich sehe im Augenwinkel einen freien Sitz und lasse mich geistesabwesend darauf fallen, während ich eine sarkastische Bemerkung über Biancas Pläneschmiedeneifer machte. Plötzlich hörte ich ein eingeschnapptes „Heee“ von der Seite und überrascht wandte ich mich zu einem schlecht geschminktem Mädchen mit schlecht gefärbten Haaren um. Ich schätze sie auf fünfzehn Jahre, aber sieht nicht jeder in dem Alter jünger aus, als er ist? Sie blickte unglaublich beleidigt auf mich hinab (ich saß immerhin) und erklärte, das sei ihr Platz, als hätte ich ihn gestohlen. Es tut mir sehr Leid, aber ich fing laut an zu lachen. Ich hatte Mitleid, denn warum auch immer sie so unglücklich war, man sah ihr ihre Unzufriedenheit mit sich selbst sofort an, deswegen verkniff ich mir das Lachen nun und stand bereitwillig auf: „Du kannst ruhig hier sitzen, wenn du unbedingt willst.“ Kaum berührte ich den Sitz nicht mehr, hatte sie sich an mir vorbeigeschoben und saß selbst, vielleicht würde sie diesen Platz sogar mit ihrem Leben verteidigen. Sie sah mich böse an: „Ich hatte schon gefragt!“ Das ging mir jetzt doch zu weit, ich hätte eher ein „Danke schön“ erwartet. Bianca sprang wegen meiner Sprachlosigkeit ein: „Das konnte man nun wirklich nicht riechen.“ Dem hatte ich nichts hinzuzufügen und wir gingen ein paar Schritte weiter, um nicht direkt im Gang zu stehen. Für uns war das ganze schon abgehakt (unser Zeitplan war ein akuteres Problem), allerdings saß das Mädchen die komplette Fahrt über in einer Angriffspose da. Sie verschoss ein paar böse Blicke, einige gingen in unsere Richtung. Unser Zeitplan haute dann letztendlich wirklich nicht hin, wir mussten das Sushi auf dem Rückweg essen, mit den Sojasaucedöschen auf unseren Knien. Wir hatten dieses Mal sogar einen Sitzplatz.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s