Rückkehr aus Schweden

Als ich aufwache, weiß ich schon mit dem ersten Blinzeln wo ich bin. Dabei sehe ich nichts davon, denn ich bin eingegraben in meinem Schlafsack. Es ist warm mit meinen vielen Schichten, aber sobald ich mit der Hand nach draußen fühle, durchfährt mich eisige Kälte. Das Piepen des Weckers ist nervtötend, also überwinde ich mich und wühle mich aus dem Schlafsack. In der Stille und Kälte bleibe ich einen Moment sitzen, um den nächsten Schritt zu planen. Draußen tropft noch leiser Regen auf die schwedische Kleinstadt und man fühlt, dass es noch nicht lange hell sein kann. Ich möchte weiterschlafen, aber ich darf nicht, denn ab jetzt darf ich hier nicht mehr ohne Ticket stehen. Also parke ich kurz mein Auto um, ziehe mich mich steifen Händen zwischen den Sitzen um und mache mich mit meiner Zahbürste in der Tasche auf die Suche nach etwas zu essen. Ich finde ein kleines, schmuddeliges Café mit Musikinstrumenten an der Wand, die belegte Brötchen servieren. Beim Essen denke ich an nichts, ich bin wie taub. Es sind viele Menschen mit mir im Café, aber ich sitze stumm und monoton kauend da und lasse das Leben an mir vorbeilaufen. Selbst nach dem Essen brauche ich lange, um in den Lauf der Dinge zurückzufinden.  Menschen reden um mich herum, knabbern zuerst die Gurken vom Brötchen runter oder stopfen sich alles auf einmal in den Mund. Sie lachen und gähnen, ein Pärchen an dem Tisch neben mir schweigt sich an, während eine an der Theke sitzende Frau ihrer Begleitung über den Schenkel streicht. Ich lege meine kühlen Hände kurz auf meine Augenlider und stehe endlich auf, ich muss weiterziehen.  Mit vollen Magen und wachen Augen wandere ich von der Innenstadt zum Hafen. Ich klettere siebenundsechszig Stufen zur Burg hinauf und stelle mich auf die oberste Sptize in den Wind; schlüpfe in eine alte, steinige Kirche und beobachte auf einer der harten Holzbänke die bedächrigen Menschen dort. Ich versuche eine große, leuchtende Girlande zwischen Ästen durch Sprünge anzufassen (unmöglich), lasse mich von Gischt bespritzen und finde eine wunderschöne Haustür, die ich am liebsten aus ihren Angeln heben und mitnehmen würde. Gegen Nachmittag wärme ich mit einem Kaffee auf (außerdem bin ich müde) und der Inhaber des Ladens fragt mich neugierig, woher ich komme. Er findet meine Geschichte spannend und während er die Theke wischt, erzählt er mich im Gegenzug von seinem Trip vor fast zwanzig Jahren. Wohin dieser ging, verstand ich trotz aller Bemühen nicht, vielleicht hatte er gar kein Ziel. Über einen zweiten Kaffee zeige ich ihm meine Karten und meinen Routenplan und bin enttäuscht, als er nur den Kopf schüttelt. Norwegen solle ich mir aus den Kopf schlagen: „It’s a lot colder there and it’s not worth it.“ Stattdessen malt er mir Kreuzchen auf meinen Stadtplan mit einem besonders dicken für die Stelle, an der die Fähre mich zurück nach Dänemark bringen kann. Schließlich stopfe ich meinen Stapel an Karten und Zettel zurück in meine Tasche und mich bedankend gehe ich wieder hinaus, inzwischen war es tief dunkel. Zurück am Auto bereue ich es nicht nach seinem Namen gefragt zu haben, damit er mir nicht nur als Café-Inhaber in Erinnung bleibt. Diese Nacht verbringe ich ebenfalls in meinem Schlafsack, die Art so in meinem Auto sogar zu schlafen gefällt mir. Am nächsten Morgen habe ich, obwohl ich nachts nicht gefroren habe, ein Kratzen im Hals. Nach einen heißen Tee und Zähneputzen auf der Toilette im Café beschließe ich, dass ich zurück nach Deutschland fahren muss. Im einem türkischen Supermarkt (in all der Zeit hatte ich nur diesen einen gefunden) decke ich mich mit Essen und Wasserflaschen ein und fahre Richtung dickes Kreuz auf meiner Karte.  Dort  angekommen finde ich verschlossene, rostige Tore und eingeschlagene Fenster vor: Der Fährenplatz ist verlassen. Erschöpft nehme ich schon die Planänderung in Kauf und will zurück nach Malmö, um über die Brücke zurück zu fahren, als ich ein kleines, fast zugewachsenes Schild entdecke. Obwohl es in Schwedisch ist, klingt es irgendwie nach den Worten „Neuer Fährenplatz“, also versuche ich es auf gut Glück und lande tatsächlich innerhalb von wenigen Minuten auf letzter Sekunde auf einer Fähre. Ich lasse das Auto unten im Bauch des Schiffes stehen und gehe auf das Deck. Schweden wird schnell nur noch ein kleiner Rand am Horizont und heimlich – obwohl ich alleine bin – winke ich zum Abschied.

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7 Gedanken zu “Rückkehr aus Schweden

  1. Hej, was ist los? Deine letzten beiden Geschichten wirken auf mich wie abgeschnitten. Ich lerne Menschen kennen, lerne dich kennen und plötzlich klingt es nur noch nach schnell zum Ende kommen…
    Fehlt dir vielleicht im Moment eine Portion Geduld?

    1. Das ist schade! Ich weiß es auch nicht, vielleicht war es einfach Zufall, dass dir zwei Artikel in Folge nicht gefallen. Für nächsten Dienstag habe ich ein kleines Bahn-Projekt am laufen, also vielleicht, hoffentlich gefällt dir mein nächster wieder!

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