Die kleinen Schönheiten wie Gänsehaut

Durch die Metro-Station hallt seine Geigenspiel, passioniert, schreiend und lebend. Ich sehe mit Gänsehaut, wie die Menschen an ihm vorbei eilen, seine Leidenschaft prallt an den Wänden ab und verpufft ungesehen. Ich kenne die Station sehr gut, sie ist in Washington DC und ich bin viele Male ebenfalls dort entlang geeilt. Der Unterschied zwischen den Menschen dort und mir ist gerade, dass ich nicht dort bin. Und dass ich weiß, dass der Geiger zwei Nächte davor noch Konzerthallen mit Tickets für mehr oder weniger hundert Dollar gefüllt hatte.Ein Projekt der Washington Post. Ich sitze in der Küche mit meinem neuen Mitbewohner, Sebastian Eser, und er zeigt mir den Artikel mit dem eingefügten Video. Sebastian ist übrigens cool. Er lacht über das ganze Gesicht, liebt Frischmilch und sorgt für männliche Stimmung in unserer WG, indem er manchmal in der Küche „Massakar!“ beim Zocken brüllt und eine Dartscheibe in unseren Flur / unser Wohnzimmer gehängt hat. Vor allem hat er ein Auto. Damit fahren wir nachts manchmal nach Hause oder machen Großeinkauf. Jetzt sitzen wir in der Küche, trinken Tee und er kommt eben auf diesen Artikel zu sprechen. Das tragische ist, dass ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch weitergeeilt wäre. Ich habe es immer eilig.  Außer ich muss warten, aber dann vertreibe ich mir die Zeit mit Schwimmen oder Fruit Ninja spielen. Ganz sicher höre ich keinen Konzertviolonist zu, beziehungsweise höre ihnen nicht die so und so viele Tausend Euro – Geige an. Gefrustet frage ich Sebastian, aber er weiß es nicht, er fährt ja meistens Auto.

Die ganze nächste Woche will ich bewusster unterwegs sein, beschließe ich. Trotzdem vermassel ich gleich meine nächste Fahrt, da ich rennen und dann später im Bus nach Luft schnappen muss. Die nächste Fahrt, sage ich mir und mache erst mal die Augen zu. Die nächsten Tage schaffe ich es tatsächlich und sammel einige Eindrücke, die mir sonst entgangen wären.

Eine junge Frau mit rattenscharfer Frisur. Ein Kleinkind, welches versuchte sich eine komplette Bretzel auf einmal in den Mund zu schieben. Ein Mann wie ein Calvin Klein-Model. Vorbeiwehender Honigduft vom Imkerstand am Luisenplatz. Der Gedanke sich jetzt eine halbe Stunde in einen weichen Sitz zurücklehnen zu können. Ein auf die Sekunde pünktlicher Bus, beim Ein- und Aussteigen. Eine perfekte, frisch-warme Temperatur und einem leichten Sonnenstrahl, der einem den Nacken kitzelt. Was entgeht dir alles?

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Ein Gedanke zu “Die kleinen Schönheiten wie Gänsehaut

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