Die Frau, die niemand wollte

Sie fällt mir schon beim Warten auf Bahn auf. Eigentlich hätte ich nicht gewartet, ab sieben Minuten Wartezeit warte ich nicht. Laufen dauert meistens länger, aber warten fühlt sich länger an. Aber heute bin ich müde und wenn ich sie anschaue, wird mein Körper noch schwerer. Sie ist zu dünn, ihre Beide sind angezogen und ihre Hand knetet ihre Stirn: „Ich bin müde.“ Sie telefoniert und ihr Gesprächspartner versteht nicht, was sie mit müde meint und rät ihr früh ins Bett zu gehen. Sie blickt nur auf ihre Knie. Ein einziges Mal schaut sie hoch und ihr Blick ist so traurig, dass es mich bis tief in die Knochen trifft.

Es ist für mich schwer ihr Alter zu schätzen. Mitte Vierzig setze ich fest, aber müde Menschen sehen immer älter aus. Ihr Haare sind schlecht gefärbt, blond und zerwült. Ihre Augen sitzen tief und sind groß und leer. Ihre Gürtelschnalle um ihre schmale Hüfte wirkt lächerlich groß. „So bin ich aber, du musst mich so nehmen“, sagte sie und sie versagt darin, den trotzigen Sazt richtig zu sagen, es klingt eher nach: „Ich will gar nicht so sein, denn niemand will mich so.“

Eigentlich ist die Begegnung damit für mich zu Ende, meine Bahn kommt. Ich bin mit Bianca Schäfer, meiner Mitbewohnerin unterwegs und sie zieht mich in der vollen Straßenbahn auf zwei freie Plätze. Begeistert lasse ich mich fallen und bemerke die traurige Frau von vorhin. Sie hat viele Tüten dabei, die auf dem Boden stehen. Sie fragt mich, ob ich kurz auf sie achten kann, da sie sich ein Ticket holen müsse. Ich nicke und stelle meinen Fuß davor, damit sie nicht umfallen. Meinen Fuß muss ich dafür nur einen Zentimeter verschieben, es ist kein Aufwand. Sie strahlt mich an, sie strahlt wie ein Kind mit einem Schokoladeneis. Ihre dünne Hand liegt kurz auf meinem Knie, dann ist sie weg.

Als sie wiederkommt, wirkt sie aufgewühlt: „Der Automat ist kaputt. Der am Luisenplatz war auch kaputt. Und jetzt fahre ich ohne Ticket.“ Ich nicke und zeige Mitleid. Das habe ich wirklich. Allerdings nicht, weil sie ohne Ticket fahren muss, sondern weil sie es so schwer nimmt. „Ich habe kein Ticket!“, sagt sie noch einmal, diesmal fast den Tränen nahe. Ich versuche eine abwinkende Bewegung, die beruhigend wirken soll: „Das macht gar nichts. Sagen Sie das einfach dem Kontrolleur sofort.“ Sie glaubt mir nicht. Auch Bianca versucht es: „Ich bin die Strecke schon so oft gefahren und noch nie kontrolliert worden!“ Sie glaubt ihr nicht. Bei jedem Atemzug wirkt sie so, als sei ihr schon dieses Atmen zu schwer. Ihr Schultern hängen schwer nach unten. Ich denke an ihr kurzes Strahlen von vorhin und wünsche mir es noch einmal sehen zu können. Mir fällt aber nichts mehr ein, daher wiederhole ich nur meine lächelnde Handbewegung, die beruhigend wirken soll. Sie versagt, dennoch mache ich weiter, um überhaupt etwas zu machen. Die Frau wirkt, als habe sie ihr Selbst einmal von innen nach außen gewendet. Ihr ganze Verletzbarkeit liegt vor mir ausgebreitet und ich schäme mich, weil ich sie nicht sehen will.

„Viel Glück“, sage ich beim Aussteigen, aber eigentlich will ich sagen: „Weshalb denkst du nur, dass du kein Recht darauf hast, glücklich zu sein?“ Bianca und ich schweigen an der Ampel vor unserem Haus. Denn wie kann man Stärke entwickeln, wenn niemand da ist, der einem zeigt, dass es sich lohnt?

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4 Gedanken zu “Die Frau, die niemand wollte

    1. Danke! Es ist interessant, wie Texte bei anderen ankommen. Manchmal bin ich nicht zufrieden mit einem und andere finden ihn total gut. Aber den hier mochte ich auch sehr :-)

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