Die Sache mit der Dachluke

„Verstehst du?“, frage ich und hüpfe auf meinem Stuhl auf und ab. „Nee.“ Ich lasse traurig meine Arme hängen, Caro Lobig fängt an zu lachen: „Du und deine süße Vorfreude immer!“ Ich fange an auf ihrem Arm zu trommeln und sprudel ihr meine Idee im Schnellgang entgegen: „Es fängt immer mit dem selben Satz an: Ich sitze im Zug, fest gegen den Sitz gedrückt oder so – und jeder schreibt einen Satz und so bauen wir die Geschichte zusammen und mit jemand anderen schreibe ich dann auch sowas, immer mit dem selben Satz am Anfang und dann sieht man in welch unterschiedliche Richtungen sich jede Geschichte entwickelt und -„, ich stelle fest, dass ich nichts mehr zu sagen habe und beende meinen Dauersatz mit einem Achselzucken. „Dann schick mir mal den ersten Satz“, sagt sie und ich fange wieder an zu hüpfen.

Ich sitze im Zug, fest gegen den Sitz gedrückt, und der Regen trommelt nervös gegen das Fenster.  Mein Herz beginnt schneller zu schlagen, und ich stelle mir vor, wie es wäre, jetzt auf dem Dach mitfahren zu müssen. In Filmen sieht das immer so atemberaubend aus, also springe ich spontan auf und mache mich auf die Suche nach einem Weg aufs Dach.  Für einen kurzen Moment zögere ich wieder, denn ich überlege, wann wohl der nächste Tunnel kommt, der mir da oben gefährlich werden könnte. Aber das Leben ist kurz, deswegen frage ich kurzerhand einfach einen rumstehenden verdutzten Bahnkontrolleur, ob man heutzutage eigentlich noch irgendwo beim Fahren nach draußen kann. Mürrisch wie immer, und natürlich völlig phantasiefrei, antwortet dieser unsympathische Mensch: „Abee sieschee, sie könne an jedee Station aussteige, und dann sinn sie ja draußee…ganz einnfach.“ Ich brauche eine Sekunde, um zu begreifen, dass der Typ keinen Meter von meiner Frage verstanden hat und dann lass ich ihn einfach stehen, denn ich habe eine Idee! Ich nehme meine Sachen und schleiche neugierig in die obere Etage des Doppeldeckers, auf der Suche nach mehr Phantasie. Im letzten Abteil finde ich eine kleine Luke, markiert als Notausgang, und ich stapel mutig mehrere Koffer aus der Gepäckablage übereinander, um sie öffnen zu können. Dass das nicht ganz so durchdacht war, merke ich, als der halbe Turm unter mir sofort wieder zusammenbricht, aber ich konnte mich gerade noch so festhalten. Von der Decke herabbaumelnd höre ich plötzlich eine Stimme fragen, ob man mir behilflich sein könne, und ich entdecke ein paar Sitze weiter einen hübschen Mann, der mich die ganze Zeit beobachtet haben muss. „Sie können zu mir hoch kommen und mit mir rausklettern, zu zweit ist das bestimmt noch cooler“, sage ich völlig unüberlegt und falle vor Schock vor mir selbst fast wieder zurück auf die Sitze. Er kommt näher und beäugt mich, wie ich da herumhänge, und zu meinem Entsetzen greift er mich frech an der Hüfte und wirft mich nach oben, während er kurz danach wie mit Superkräften ebenfalls neben mir landet. Ich schaue ihn mit großen Augen an, erstaunt aber auch beeindruckt, habe aber nicht lange Zeit zum Überlegen, denn der Fahrtwind zieht mich mit. Als Außenstehender muss es lustig aussehen, wie ich da mit den Fingernägeln erfolglos versuche mich auf dem glatten Dach des Zuges festzuhalten, da ergreift mich plötzlich eine Hand, denn mein geheimnisvoller Begleiter spielt einmal wieder den Helden. Einen kurzen Moment zögere ich, überlege, ob ich mich losreißen oder festklammern soll, dann fange ich lauthals an zu lachen.Er zieht mich zu sich und hält mich fest, damit ich Zeit habe mich in diesem neuen, aufregenden Territorium umzublicken.

„Du bist übrigens dran“ sage ich. Wir sitzen in einem Seminar. Caro hat ihre neue, nicht mehr ganze neue Brille an und ihren beschäftigten Blick im Gesicht. Weiter tippend blickt sie hoch: „Dann schick mir den letzten Satz noch mal.“ – „Wie kannst du einen Satz verlieren?“ Caro Lobig, mein Küken. Auf der Einführungsveranstaltung meiner Hochschule liefen wir zu einer Bar und sie hatte Bedenken hineinzukommen. Ich schaute sie verwundert an, denn für mich war Volljährigkeit schon lange kein Thema mehr. „Ich bin 17“, grinste sie und ich sagte: „Du Küken.“ Manchmall sagt sie zu mir „Du Huhn“ und fast immer ist es liebevoll gemeint. Jetzt hört sie doch auf zu tippen und strahlt mich an: „Ich mag die Geschichte, es macht viel Spaß. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.“

Advertisements

2 Gedanken zu “Die Sache mit der Dachluke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s