Eine fantastische Reise

Eine Fortsetzung.

Er zieht mich zu sich und hält mich fest, damit ich Zeit habe mich in diesem neuen, aufregenden Territorium umzublicken. Dieser Moment ist aber schon schnell wieder vorbei, als ich merke, dass sich mein Geldbeutel gerade von mir verabschiedet hat. Unüberlegt hechte ich einfach hinterher, pralle unsanft auf dem Schotter neben den Schienen auf und befinde mich plötzlich mitten im Dschungel, während die Rücklichter des Zuges im Dunst verschwinden. Erst jetzt merke ich, dass das wahrscheinlich nicht nur unüberlegt, sondern auch selten dämlich war, zumal ich jetzt ganz auf mich alleine gestellt bin und meinen Geldbeutel nicht mal finden kann. Ich höre einen weiteren Zug näherdampfen, und mache mich bereit, um aufzuspringen, denn egal wohin dieser geht, wenigstens bleibt er nicht hier. Da spüre ich eine warme, große Hand auf meiner rechten Schulter. Schreiend versuche ich einen stolpernden Karategriff anzuwenden, als ich bemerke, dass es wieder der seltsame Typ ist, der mir wohl ohne jedes Geräusch hinterhergesprungen sein muss. „Hast du eigentlich nichts besseres zu tun?“ frage ich den dunkelhaarigen Fremden in einem zickigen Ton – die Worte waren mal wieder schneller als die Gedanken. Geschockt bemerke ich, dass er meine Worte ernst nimmt, denn er zuckt mit den Schultern und schlendert in den Dschungel hinein. Ich schnappe mir verwirrt meinen Geldbeutel, richte meine Jacke und laufe trotzig in die entgegengesetzte Richtung.

Zwei Stunden später bereue ich bitter, ihm nicht gefolgt zu sein: Ich sitze zusammen mit köchelnden Zwiebeln und Kartoffeln in siedend heißem Wasser und bin von Kannibalen umringt, die ihren Körper wiegend um ihr Mittagessen tanzen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich meinem charmanten Retter in den Dschungel gefolgt wäre. Mit tapsigen Schritten wäre ich ihm nachgetaumelt und irgendwann hätte er sich umgedreht und gefragt: „Also willst du doch gerettet werden?“ Ich hätte losgestrahlt wie ein Honigkuchenpferd, seine Hand genommen und mich mit ihm in ein tolles Abenteuer gestürzt, aber nein – jetzt sitze ich in einem Kochtopf und bin gleich tot. Unerklärlicherweise prustet erst einer der Kannibalen, dann plötzlich alle los und als wäre es das lustigste der Welt erklären sie mir kichernd, dass das alles nur ein riesen Scherz wären, da sie gerne Touristen ärgern würden. Scheinbar habe ich wirklich ein bisschen Strafe verdient, denn zu allem Übel meiner Blamage kommt mein vermeintlicher Retter, sich lachend den Bauch haltend, aus dem hintersten Busch hervor und zieht mich aus dem Topf heraus. Er nimmt sich eine Schüssel und eine Schöpfkelle und immernoch kichernd fragt er mich: „Hunger auf Kartoffeln?“ und obwohl ich ihn in dem Moment sehr hasse, zwingt mich mein Magenknurren dazu einfach dankbar zu nicken. Ich höre auf, ihn an zu zicken – schließlich lernt man ja aus seinen Fehlern – und greife nach einem Teller, denn ich freue mich, dass nun doch nicht ich als Hauptgericht serviert werde. Die Doch-nicht-Kannibalen sind sehr nett und bieten mir ständig Salzstreuer oder Pfeffermühle an, aber obwohl ich gerne noch länger geblieben wäre, zieht mich mein Retter bald hoch und erklärt, wir müssten uns beeilen, da der nächste Zug bald vorbeifahren würde und zwar der letzte für die nächsten zwei Monate.

Schnell schiebe ich mir noch einen Löffel Kartoffeln in den Mund, wer weiß wann wir wieder was zu essen bekommen, und stürme Richtung Ausgang Dschungel. Hinter mir räuspert sich mein Retter und lässig mit den Händen in den Hosentaschen sagt er: „Falsche Richtung“, was ich ziemlich frech finde, immerhin sieht der Dschungel überall gleich aus. Ausnahmsweise halte ich mal die Klappe und lasse mich von dem schönen Dunkelhaarigen Richtung Schienen ziehen. Schon bevor ich den Zug sehe, höre ich sein dumpfes Rattern und rundherum fliehen Vögel von den Bäumen gen Himmel. Wieder beginnt mein Herz zu rasen, ich renne los wie eine Verrückte, stolpere über eine Wurzel und lande ein paar Meter vor den Schienen unsanft auf dem Boden. Ich werde gepackt und in einen offenen Wagen geworfen, ich schäme mich, dass ich mir ständig helfen lassen muss. Ich spüre die feste Hand meines nervigen Verfolgers in meiner und muss fasziniert feststellen – der Kerl hat wirklich Durchhaltevermögen. Plötzlich trifte ich in romantische, rosa Gedanken ab und merke erst spät, dass ich brutal von Polizisten auf den Boden gepresst und brüllend dazu aufgefordert werde, zu gestehen. Der Schlag auf meinen Kopf ist so erschütternd, dass ich, fast vom Sitz fallend, aus meinem Traum zurück in die Realität geholt werde und zwei mal blinzeln muss, als ich den Eifelturm am Horizont sehen kann.

Böse schaue ich auf und zische: „Caro!“ Sie hört mich nicht und tippt weiter beschäftigt mit Brille auf ihrem Laptop. „Caro!“, zische ich wieder, etwas lauter. Wir sitzen wieder in einem Seminar, es ist einige Wochen später. Dieses Mal hört sie mich und grinst mich an: „Hast du die E-Mail bekommen?“ – „Das ist blöd!“ – „Du hast gesagt, ich soll das erste schreiben, was mir einfällt!“ – „Aber so ergibt die ganze Geschichte keinen Sinn!“ Jetzt ist Caro enttäuscht: „Doch. Es ist eine fantastische Reise mit dem Kopf.“ Darüber muss ich nachdenken. Sie lächelt breit, sie weiß, dass sie gewonnen hat. Ohne etwas zu sagen, tippe ich unter ihren Blicken schnell etwas und klicke auf SENDEN. Sie liest und fängt an zu lächeln. Es ist tatsächlich eine fantastische Reise gewesen.

Noch immer sitze ich fest in den Sitz gedrückt, mit trommelnden Regen, und mein Zug fährt pfeifend in den Pariser Bahnhof ein. THE END

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