Judiths Lachen

Judith hat einen rotgeschwitzten Kopf, ihr Atem überschlägt sich und sie hechtet sich auf einen Platz. Sekundenlang versucht sie ihren Atem in den Griff zu kriegen, sie lacht. Ich sitze im Vierer neben ihr und schaue sie an. Nein, eigentlich sitze ich nicht, ich hänge. Fast rutsche ich vom Sitz und ich bin zu müde um mich darum zu bemühen meine Blicke zu verbergen. Ich bin schon lange unterwegs. Sie fallen ihr gar nicht auf, denn ein Mann gleichen Alters (Mitte Zwanzig) setzt sich ihr gegenüber und lacht sie an: „Das war knapp, oder?“ Das ist Max. Mit müden Augen schaue ich zu, ich kann nicht mehr denken. Judith lacht und jeder würde sehen, wie sie ihre ganze verzaubernde Art nach ihm wirft. Sie unterhalten sich, fragen sich gegenseitig, was sie studieren und was sie in dem Einstiegeort getan haben.

Sie kennen sich gar nicht, wird mir bewusst. Ich bin hin- und hergerissen, einerseits finde ich sie selbst auch sehr verzaubernd. Ihr Lachen besteht aus breiten Grübchen und strahlenden Augen. Andererseits bin ich abgeschreckt von ihrer auf den Bauch schnallenden Weise zu flirten. Max grinst sie an, cool und etwas zurückweisend, so wie es Mädchen mögen: „Hey, dein Kopf ist nicht mehr ganz so rot!“ Sie scherzen,  es ein bisschen zu viel. Zuerst hatten sie sich vor dem Zug gesehen. Er stand mit seinen Freunden vor der Tür, klopften sich auf die Schulter und sah sie auf sich zurennen. Sie war spät dran, besonders schnell im Rennen war sie auch nicht. Die Panik trieb sie an. Er, grinsend wie immer, drückte auf den Türöffner und sie stürmte hindurch. Als er sich dann später gemächlich ihr gegenübersetzte, war sie froh, dass sie sich nicht mehr schnaufend den Bauch halten musste. „Das sah schon sehr beeindruckend aus, wie du mit an mir vorbeigerauscht bist. Das fliegende Cape und der Looping haben noch gefehlt, aber ansonsten war das schon sehr gut.“ Sie lacht etwas zu laut und mimt einen Looping mit den Armen. Er grinst.

„Darmstadt HBF“, rauschte es aus irgendwelchen Ecken der Bahn. „Ausstieg rechts.“ Wankend stehe ich auf, sie bemerken mich nicht. Unbemerkt stehe ich kurz im Gang, wie ein Geist zwischen ihnen. Ich denke noch, dass ich sie wohl nie wieder sehen werde. Während ich an der Tür stehe, schultere ich meine unbequeme Reisetasche und schaue nicht zurück. Nur ihr lautes Lachen erreicht mich noch und ich sehe sie vor mir: Sie mit roten Wangen und blonden, umrahmenden Haaren, und Max, wie er lässig im Sitz liegt und grinst. Die Tür geht auf und ich tauche in die Bahnhofgeräusche ein und Judiths Lachen hallt noch in meinem Kopf.

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4 Gedanken zu “Judiths Lachen

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