Elf Stunden

„Wollen Sie sich das wirklich antun? Die Reise dauert zehn Stunden!“ Die Frau hinter dem Schalter schaut mich an. Sie ist pikiert und etwas amüsiert, vor allem findet sie mich durchgeknallt. Das finde ich auch und will sagen: „Nein, geben Sie mir lieber die teurere Verbindung mit dem ICE.“ Dann warte ich aber einen Moment zu lange und es blitzt in meinen Augen auf. Durch ein tolles Vorstellungsgespräch bin ich noch nicht wieder ganz auf dem Boden angekommen, einige Zentimeter schwebe ich darübertt. Die Herausforderung annehmend nicke ich und lächele sie verschmitzt an. Als sie mir das Ticket entgegenstreckt, sagen ihre Hände: „Selbst schuld!“ Ich nehme es schnell entgegen und meine sagen schnippisch: „Japp!“

Berlin – Darmstadt, Stunde 1. Genüsslich breite ich meine Jacke hinter mir aus, einen Coffee to Go zwischen meinen Knien. Während ich auf die Abfahrt meines Zuges warte, spiele ich am Deckel meines Kaffees herum. Gegenüber von mir sitzt ein Geschäftsmann mit Bügelfalte und aufgeschlagener Welt Kompakt. Ich nicke ihm zu und bin mir sicher, dass er meine Reisefreude teilen muss. Dann lese ich, drei Stunden am Stück. Der satanalkohöllischirgendwas Wunschpunsch von Michael Ende. Nachdem der Wunschpunsch gebraut, die Wünscherei vorbei und die Welt gerettet war, klappte ich das Buch zu und drückte mich freudig an den Sitz. Schon ewig hatte ich kein ganzes Buch auf einmal mehr lesen können. Tolle Fahrt!

Berlin – Darmstadt, Stunde 4. Ich betrachte Rapsfelder, starre ins Leere oder auf meine Knie. Drehe nervös mein Handy in meiner Hand, mein Akku ist nur noch bei 14%. Versuche wieder zu lesen und scheitere an meinen sich drehenden Augen. Kratze mich am Kopf, mache imaginäre Listen mit Wörtern mit Q. Quantenpysik, Qualle, Quentchen, Quark, Quaddel. Meine Rechnung, wie viel ich noch fahren müsste, wenn ich den ICE genommen hätte, ist ernüchternd. Der Geschäftsmann gegenüber von mir ist schon lange ausgestiegen und nutzt seine freie Zeit sicher damit in der Sonne zu sitzen und selbstgemachte Limonade zu trinken. In meinem Bild prostet er mir hämisch zu: „Selbst schuld!“ Mein Akku sinkt auf 12%.

Berlin – Darmstadt, Stunde 8. Quasseln, Quader, Quatsch, quer, Qualität, quasi, Quecksilber. Die Frau auf dem Cover von Bahn Mobil bekommt von mir Zahnlücken aufgemalt, eine Spinne krabbelt aus ihrem Auge. Ich stelle fest, dass man bei zehn Stunden Fahrt hätte einrechnen müssen, dass man Hunger bekommt. Ich habe nichts zu essen und nur noch ein paar Rote in meinem Portmonnaie. Meinen nächsten Umsteigebahnhof kenne ich, es ist Fulda. Nicht weit weg habe ich mein Abitur gemacht. In meiner halbstündigen Wartezeit steuere ich sicher durch das nächtliche, mit Partygelächter überfüllte Fulda. Schließlich stehe ich blinzelnd vor einem großen, umzäunten Krater. Hier sollte doch eine Sparkasse stehen. „Hier entstehen Ihre Büroräume!“ Ich habe keine Zeit zu schimpfen, stattdessen jogge ich zurück zum Bahnhof, hungrig. 8%

Berlin – Darmstadt, Stunde 10. In meinem Hinterkopf türmt sich immer wieder der gleiche Satz aufeinander: „Gleich bin ich schon in Frankfurt, gleich bin ich schon in Frankfurt, gleich bin ich schon in Frankfurt.“ Mein Hintern ist taub und trotzdem kann ich es nicht lassen auf und ab zu hüpfen: „Gleich bin ich schon Frankfurt!“ Kurz bevor die Tür auseinandergleitet und ich freudig hindurchspringen will, fällt mein Blick auf die scrollende Uhranzeige. In dieser Minute fährt meine S-Bahn nach Darmstadt. Ich weiß es ohne zu schauen, denn ich hatte genug Zeit meinen Fahrplan auswendig zu lernen. Trotzdem renne ich, die Rolltreppe herunter, die Rolltreppe hinauf. Der Bahngleis ist dunkel, windig und leer. Auf der Anzeige steht: „S3 nach Frankfurt in 57 Minuten.“ Darunter steht: „Selbst schuld!“ 3%

Berlin – Darmstadt, Stunde 11. Ich fahre Rolltreppe. Einmal hoch und wieder runter dauert eine Minute, habe ich festgestellt. In meiner Hand ist ein XL-Becher Cola von McDonalds. Die haben nicht nur nachts offen, sondern nehmen bei Frankfurt Süd sogar Karte. Ein Bauch voller glucksender Cola wird mein Bauchknurren für eine Stunde besänftigen müssen. Unten steht seit einigen Minuten ein junger Mann und beäugt mich misstrauisch, wie ich Rolltreppe fahre und dabei an meinem Strohhalm kaue. Nach den vielen Stunden muss ich aussehen auch ohne mein seltsames Verhalten schon wirken wie eine Irre. Der Arme tut mir Leid. In der S-Bahn lerne ich dann Max und Judith kennen. Anteilnahmslos schaue ich zu, wie sie sich atemlos beäugen. Während die Bahn in den Darmstädter Bahnhof einfährt, sehe ich meinem Handy zu, wie es sich ausschaltet. Es ist fast ein Uhr und ich habe es geschafft. Nur noch nach Hause schleppen muss ich mich, denn in dieser Stadt fährt nichts mehr um diese Uhrzeit. 0%

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