Das Lächeln des Selbstmörders

„Heute will sich jemand umbringen!“, höre ich eine Stimme, obwohl ich Kopfhörer in den Ohren habe. Ich glaube, nicht richtig gehört zu haben. Ich schaue auf und sehe zwei glühende Augen. Sie gehören zu einen Mann von vielleicht vierzig Jahren. Er lächelt und schaut mich an: „Heute will sich jemand umbringen!“

Seit einiger Zeit fährt die Bahn sehr langsam. Unterbewusst hatte ich sofort angenommen, der Zug fahre in einen Bahnhof ein. Jetzt fällt mir auf, dass er schon zu lange zu langsam ist. Ein Knacken und Räuspern lässt meinen Blick von dem lächelnden Mann wegschrecken. „Die Zugfahrt verspätet sich leider um – äh… Minuten. Es ist uns leider nicht erlaubt schneller als 30 km/h zu fahren, da ein irrer -äh- Selbstmörder angekündigt hat sich hier auf die Gleise zu legen.“

Der Mann lächelt. Ich mag nicht mit ihm reden. Mir wird bewusst, dass ich alleine mit ihm im ganzen Zugteil bin und eine mir unerklärliche Nervosität legt sich auf mich. Er wendet seinen Blick nicht von mir ab und fängt wieder an fröhlich zu reden: „Gestern kam die Nachricht, seitdem fährt hier jeder Zug nur im Schneckentempo diese Strecke. Den ganzen Tag lang, denn keiner weiß, wann er es machen will.“

Woher weiß er das? Stumm, mit tickender Zeit im Hintergrund, starre ich mit leeren Augen zurück. Bilder schießen in sekundenschnelle in meinen Kopf: Er sitzt in einem staubigen Haus in einem Polsterstuhl. Seine Bein bleibt nicht ruhig, er trippelt einen imaginären Ball auf dem Knie. „Morgen werfe ich mich auf dem Weg nach Darmstadt vor den Zug!“, ruft er in seinen Telefonhörer. Aus der Hörmuschel dringt ein erschrockenes: „Hallo?“, doch er lauscht nur noch, wie die Frau an der anderen Leitung versucht etwas zu bewirken. „Bitte sagen Sie mir Ihren Namen!“ Er legt auf und legt seine Hand auf sein nervöses Bein.

Wirklich tun wollte er es nie. Nur die Welt anhalten. Deswegen steigt er an dem Tag in den Zug und beobachtet dessen schleichenden Weg. Sein Werk, sein Wille! Die Bilder verschwinden und ich bin gedankelich wieder zurück im Zugabteil. Der Mann mir gegenüber lächelt mich noch immer an. Unsinn!, versuche ich mir zu sagen. Er mag einfach nur Sensationen. Er ist einsam, gelangweilt und hat keinen Ort, zu dem er muss. Heute morgen hatte er die Zeitung gelesen und sie auf die Sensation gefreut. Als ich aufstehe, um zur zischenden Tür zu gehen, lächelt er mir noch hinterher. Die knackende Stimme aus den Lautsprechern warnt die neuen Fahrgäste vor: „Wegen einem angekündigten Selbstmörder dürfen wir nur 30 km/h fahren.“ Ich bilde mir ein, dass das Lächeln des Mannes eine Spur breiter wird.

 

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