Ein zehnjähriger Busfahrer, eine Teetasse und das Nichts

Meine Mutter wohnt im Nichts. Dort gibt es regendurchdränkte Wiesen mit wehenden Gräsern. Außerdem eine Kirche, eine Kneipe und das qietschende Wasserrad eines Nachbarns. Romantisch nennt man das. Seitdem ist für mich romantisch das Synonym für grausam. Um ins Nichts zu kommen, bin ich vier Stunden unterwegs. Nach mehrmaligem Umsteigen steige ich eine Stunde vor meiner Ankunft in einen Bus. „Wegen einer Baustelle fährt der Bus ins Nichts an der WurzelausdreiundeineMillionenminusSinuskurvezumQuadrat-Straße ab. Also alles klar.“ Ich frage einen Busfahrer: „Wissen Sie, wo der Bus ins Nichts abfährt?“ Er kratzte sich an der Nase und sagte: „Na, hier.“ Nochmals versuche ich es: „Nein, nein. Der fährt wegen einer Baustelle an einer anderen Straße ab. Wurzeldreiundso-Straße.“ Er kratzt weiter: „Da kommt heute noch ein Kollege.“ Heirate niemals einen Busfahrer, präge ich mir ein und renne dankeschreiend davon. Ich habe Panik zwischen Darmstadt und dem Nichts festzustecken. Ich frage im Bahnhofsgebäude den erstbesten Menschen, der mich zu einem jungen Mann weiterleitet, der mich zu einem 12jährigen schickt, der nur die Achseln zuckt. Eine Alte hat mitgehört und zeigt mit dem Finger in eine Himmelrichtung. „Dann links“, krächzt sie und ich stürme los. Nach ein paar Minuten frage ich eine Frau mit Kinderwagen, die zu viel raucht: „Keine Ahnung, frag mal den Einheimischen da.“ Der Einheimische ist leider auch nicht von dem Ort. Trotzdem sehe ich nach weiterem Gerenne endlich einen Bus neben wehenden Gräsern. Ein gutes Zeichen.

Keuchend falle ich auf die Stufen und der Busfahrer grinst: „Für so eine schöne Frau warten Haltestelle im Nichtswir doch gerne.“ Er sieht aus wie zehn. Das lässt die anzügliche Bemerkung eher putzig wirken. Ich krieche hinein und suche mir den schönsten Platz aus. Es riecht sauber und ich bin die einzige im Bus für die ganze Fahrt. Im Nichts angekommen, drücke ich auf STOP und der Zehnjährige öffnet mir die hintere Tür. „Viel Spaß im Nichts!“, ruft er mir nach, schließt die Türen und rollt winkend davon. Die Haltestelle ist nicht direkt im Nichts. Sie ist mehr ein Vorrausblick auf das Nichts. Denn sie klebt völlig einsam ohne Häuschen oder Bank am Straßenrand. Es führt kein Gehweg hin. Hoffentlich wurde dafür jemand gefeuert. Wenn ich ein Auto hätte, um die Haltestelle zu erreichen, würde ich auch kein Bus fahren. Die Nichts-Leute verfluchend stapfe ich die Straße entlang und lasse mich vom Gras umwehen. Eine Auto meckert mich laut hupend an. „Du hättest mich auch mitnehmen können“, rufe ich hinterher, aber es ist schon längst weg. Fünfzehn Minuten muss ich durch die Wiesen stapfen, dann bin ich da. „Hallo, mein Kind“, sagt meine Mutter und ich ziehe ein Gesicht, als hätte ich ein Preis für die Anreise verdient. Den kriege ich auch gleich, sie stellt eine dampfende Tasse – so groß wie eine Müslischale – vor mich. Ich lege meine zerkratzten Beine auf ihre Knie und halte die Teetasse mit beiden Händen unter meine Nase. Die vierstündige Reise ins Nichts lohnt sich immer wieder.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ein zehnjähriger Busfahrer, eine Teetasse und das Nichts

  1. Ach, was fuer eine schoene Liebeserklaerung an deine Mama. Besonders: „ich lege meine zerkratzten Beine auf ihre Knie und halte die Teetasse mit beiden Haenden unter meine Nase.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s