Berlin, eine Schreibblockade und Berlin

Gewidmet an Bianca Schäfer

flickr | d_eforMEd.child

Die Ringbahn fährt einmal um das innere Berlin. Insgesamt braucht man ungefähr eine Stunde, um wieder am Anfangspunkt zu sein. Ich fahre nur zwei Haltestellen von meiner Arbeit zu mir nach Hause, vier Minuten. Daher fühle ich mich, als steige ich in eine Rakete zum Mond, um eine Sekunde später in der nächsten Stadt auszusteigen. Hungrig gehe ich im Kopf mein Plan für’s Kochen durch. Kartoffeln habe ich noch, wenige Karotten und eine halbe Zucchini. Neben mir sitzt eine Frau, die eine knusprige Tasche aus Fladenbrot in ihren Mund schiebt. Neidisch höre ich das Brot zwischen ihren Zähnen krachen. Meine Musik in meinem Ohr wird vom SMS-Ton unterbrochen und ich lese in der Vorschau die Worte meiner Mitbewohnerin Bianca Schäfer: „Jetzt sitze ich hier kurz vor Feierabend…“ Wir schreiben uns in Berlin fast täglich Kuriositäten, während wir in der Bahn sitzen. Also bin ich nicht überrascht und öffne die SMS ohne den Gedanken an das knusprige Fladenbrot zu verlieren. Was quillt dort aus dem Brot? Es riecht nach getrockneten Tomaten und Knoblauch. Die Esserin leckt sich einen dunkelroten Klecks von den Lippen. Während ich überlege, ob es sehr seltsam ist, sie zu fragen, was in der Füllung ist, fällt mein Blick auf die SMS. Es geht nicht um kuriose Menschen in der Bahn.

„Jetzt sitze ich hier kurz vor Feierabend, klicke mich durch die Internetwelt und wollte ein paar nette Hanna-Worte lesen. Und was muss ich mit Erschrecken feststellen? Kein Beitrag in meinem Blog. Schon seit drei Wochen nicht mehr…“ Das ganze endet mit einem weinendem Emoticon. Mist, denke ich. Jetzt ist doch jemandem aufgefallen, dass ich nicht mehr schreibe. Geplant hatte ich es, meine Fahrt nach Berlin wäre ein großes Ereignis in meiner Catch the train if you can-Welt gewesen. Viel größer als verpasste Züge oder lärmende Mitfahrer. Das Problem war: Ich konnte nicht schreiben. Ich hatte es versucht, die Sätze bildeten sich nicht in meinem Kopf. Das Gefühl war das selbe wie im Matheunterricht bei diesen Textaufgaben: Der Zug A fährt an Punkt X und Zug B an Punkt Y los. Bei welchem Punkt Z treffen sich A und B, wenn OPQRST. Da schwirrte mir der Kopf  während der Matheklausur und ich beschloss, dass jeder einmal eine 5 im Zeugnis haben müsse. „Schreibblockade“, schlussfolgert Bianca und ich muss ihr zustimmen. Sie erzählt mir, dass sie am Morgen ein ganzes Orchester in der Bahn hatte. „Mit Kontrabass, Saxophon, Cognac, Gitarre und einem Sänger.“ Es hilft nichts, statt Sätzen und Geschichten in meinem Kopf frage ich mich nur, ob sie wirklich Cognac dabei hatten, oder ob das Wort der automatischen Worterkennung zum Opfer fiel. Aber die Sätze bleiben aus.
Meine Haare sind zu lang und ich halte sie mit meinen Händen nach hinten zu einem Zopf zusammen. Mein Handy liegt auf meinem Schoß und es leuchtet auf, um mir Biancas nächste Bahngeschichte über einen Obdachlosen zu erzählen. Grinsend lasse ich es liegen. Die Esserin ist mittlerweile fast fertig und kaut den letzten Bissen, während an ihren Händen Reste von der Füllung rot glänzt. Vor Hunger knurrt mein Magen und meine Haare fallen lassend lege ich eine Hand auf ihn. Sowas kann man sicher auch ganz leicht selbst machen. Dünnes Fladenbrot mit irgendwas aus Tomaten und Knoblauch befüllen und ab in den Ofen. Oder in die Pfanne? Und gerade als ich anfange, Biancas Schlussfolgerung „Schreibblockade“ zu vergessen, überfluten sich meine Gedanken mit Sätzen. Jetzt sitze ich hier kurz vor Feierabend. Die Esserin leckt sich einen dunkelroten Klecks von den Lippen. Die Ringbahn fährt einmal um das innere Berlin. Ich öffne die SMS ohne den Gedanken an das knusprige Fladenbrot zu verlieren. Zeitgleich hält die Ringbahn an meiner Haltestelle und ich haste hinaus. Ich wiederhole die Sätze auf meinem Weg zu meiner Wohnung aus Angst sie wieder zu vergessen. Bauchknurrend lasse ich mich im vierten Stock auf die abgewetzte Ledercouch fallen und angele nach meinem Laptop. Essen kann ich später noch. Ich hatte den Punkt Z errechnet. Während ich die ersten Tasten tippe, weiß ich, dass ich erst bei den letzten Sätzen dieser Geschichte aufhören werde zu schreiben.

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7 Gedanken zu “Berlin, eine Schreibblockade und Berlin

  1. Manchmal erlebt man einfach zu viel, um zu schreiben. Zum Schreiben muss der Kopf ja erstmal sortieren… Ich hoffe, du findest in den nächsten Monaten doch noch genug Pausen zum sortieren, ich fände es nämlich auch sehr schade, wenn es von dir nichts mehr zu lesen gäbe. Liebe Grüße nach Berlin aus Hamburg :)

  2. Ich will auch, dass du wieder mehr schreibst. Denn du fehlst mir und noch dazu war ich nie in Berlin. Und wenn du so anschaulich schreibst, was du dort erlebst und wie man sich in dieser großen Stadt fühlst, fühle ich mich auch ein bisschen dabei!

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