In Berlin angekommen

Für diesen Beitrag müsst ihr eine kleine Reise in die Vergangenheit machen. Es ist der 26te Juli, du und die Sonne schlaft noch. Nur ich, Pendler und die letzten Betrunkenen sind schon unterwegs. Denn das ist der Tag, an dem ich einen schweren Koffer die Zugstufen hinaufziehe und ihn erst vier Monate später wieder durch die Bahnhofshalle in Darmstadt rollen werde. Es ist der 26te Juli und ich bin unterwegs nach Berlin.

Es ist ganz anders an einen Ort zu fahren, an dem man für längere Zeit bleiben wird, als wenn man nur an ihm in wenigen Stunden oder Tagen vorbeirauscht. Darmstadt sehe ich schon längst nicht mehr und das ruhige Gefühl macht sich in mir breit, dass ich nur noch auf mein Ankommen warten muss. Es kann sein, dass dieses Gefühl durch fiebersenkende Medikamente verstärkt werden.

Ein Tag vor meiner Abreise wachte ich frierend und schwitzend auf und dachte: „Das ist typisch. Sechs Stunden Zugfahrt und du hast Fieber!“ Ich stellte mir vor, wie ich die Bahnfahrt nicht überleben würde. In Berlin würde mich ein netter Mitreisender anstupsen, weil wir die Endstation erreicht haben. Aber die stundenlange Kälte und das schwindelerregende Gerase des ICEs hätten mich so steif und erkaltet werden lassen, dass ich nur leblos vom Sitz rutschen würde. „Du dramatisierst“, sagte mein Mitbewohner Sebastian und ich drückte mir beleidigt meine Wärmflasche an den Bauch.

Berlin Hauptbahnhof | von Johanna Kindermann

Er hatte Recht, es sieht aus, als ob ich die Fahrt überlebe. Und ich bin mir sicher, dass mein gutes Gefühl nicht nur von Paracetamol kommt. Das gute am Wegfahren ist nämlich, dass man sein altes Gerümpel zurücklassen kann. Natürlich will man den Abstand nutzen, um einmal richtig aufzuräumen. Allerdings ist auf der Zugfahrt noch keine Minute von den vier Monaten angebrochen. Also gibt es noch genug Zeit erst einmal für neues Gerümpel in Berlin zu sorgen. Mein warmer Pullover, das Paracetamol und die guten Gedanken lassen mich schläfrig werden. Meine Beine liegen auf meinem Koffer, mein Kopf rutscht zwischen Sitz und Fensterscheibe und ich fange an zu träumen.

Vorher war ich erst einmal in Berlin. Ich hatte meine reisewütige Freundin Louisa Trübner dort vor zwei Jahren besucht. Das Wochenende war kurz und hinterließ schnelle Berliner Erinnerungen. Ich aß Currywurst an der Spree (noch keine Vegetarierin), berührte die Mauer, schlief im Reichstag ein und bekam mit Lou einen Sekt auf’s Haus, weil wir zu lange auf das Essen warteten. Das hier ist etwas anderes. Das ist kein Wochenende, das sind vier Monate und sie beginnen und Enden mit einer Zugfahrt. Wie so vieles in meinem Leben. Langsam wache ich auf und schrecke sofort hoch. So ist das mit dem Schlafen im Zug, der erste Gedanke ist immer, dass man seinen Bahnhof verpasst. Habe ich nicht und mich belächelnd versinke ich wieder in einem Fiebertraum. Etwas später fährt der ICE wirklich in Berlin ein und mit meinem Koffer in der Hand warte ich im Gang. Ich greife ihn mit beiden Händen, weil ich ihn gleich die Zugstufen hinunter tragen muss. Ich bin angekommen.

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2 Gedanken zu “In Berlin angekommen

  1. Schön geschrieben.
    Besonders schön, ist der Gedanke, dass das Gefühl ein anderes ist, weil man sein altes Gerümpel hinter sich lässt. Vielleicht sollte man mal versuchen nur mit einem Koffer umzuziehen…

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