Der Dreck der Stadt an meinen Füßen

Pantyhose close
Ihre Füße sind nackt // flickr: Wolfgraebel

Es ist der heißeste Tag des Jahres. Ein Sonntag, und ich komme sozusagen vom See. Mit einem Schlenker zu einem türkischen Restaurant, in dem es nur Vorspeisen ohne Fleisch gibt. Die ist so ungenießbar, dass ich trotz Hunger ohne zu essen bezahle und gehe. Mein Akku ist schon seit Stunden leer, was ich halb entspannend und halb anstrengend finde. Ohne Google Maps oder der Bahn App taumel ich durch eine Straße in Kreuzberg auf der Suche nach einer U-Bahn. Ich muss ein seltsames Bild abgeben. Ich bin barfuß, was am See sommerlich wirkte, jetzt eher idiotisch. Meine restliche Kleidung wird dem Sommer auch gerecht – Jeansrock, dünnes Top und ein hervorblitzendes, nach schlammigem Wasser riechendes Bikinioberteil. Aber über meiner Tasche hängt ein langer, gefütterter Wintermantel. Mein Mitbewohner Sebastian war mit seiner Freundin in Berlin zu Besuch und hatte ihn mir für die kalten Novembertage mitgebracht.

Ein junger, türkischer Typ findet Gefallen an meinen dreckigen Füßen. Er sitzt vor einer Dönerbude und macht mich darauf aufmerksam, dass ich keine Schuhe anhabe. „Danke“, sage ich höflich und er freut sich. „Soll ich dir meine geben?“, spielt er das Spiel weiter. Zu gerne will ich „Gerne, wie nett von dir“, sagen, um ihn aus der Reserve zu locken. Stattdessen lache ich nur. „Kriege ich deine Nummer?“ Ich bin schon längst an ihm vorbei, daher rufe ich zurück: „Nein!“ Dann fällt mir etwas ein und ich drehe mich noch einmal um: „Aber kannst du mir sagen, wo die nächste U-Bahnstation ist?“ Er nickt und seine gegelten Haare wackeln ein wenig. „Du gehst weiter geradeaus und dann links. Soll ich mitkommen?“ Ich winke ihm zu und rufe wieder: „Nein! Danke!“ Ein bisschen weichen Asphalt mit den Füßen mitnehmend gehe ich weiter und finde die Haltestelle.

Hungrig und erschöpft setze ich mich. Vor mir sitzt eine junge Familie, die Eltern sind kaum älter als ich. Sie sitzt auf ihren Beinen und hat ihre Hände grazil um ihre Knöchel gelegt. Die Haare sind kurz und legen ihren wunderschönen Nacken frei. Er ist hübsch, aber hat harte Gesichtszüge. Sie werden weich, als er seinen Kopf im Bauch seiner Tochter vergräbt. Diese ist höchstens vier Jahre alt und ihre fusseligen Locken blitzen in der Sonne. Ihre Füße sind nackt und genauso dreckig wie meine. Die Mutter sieht, dass ich sie beobachte und lacht mich an. Ich überrasche mich selbst, weil ich nicht mit heißem Kopf wegblicke. Stattdessen lache ich zurück.

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