Laut lesen am Moritzplatz

Böll
Es klang wie davonleben statt davon leben. // flickr: brandmaier

Zweite Frage: Leben Sie davon?“ Der Mann lag halb auf der U-Bahnbank und hatte ein dünnes Buch in der Hand, aus dem er laut las. Er betonte den Satz so seltsam, dass es mehr nach davonleben klang. Er hat einen französischen Akzent. Neben ihm sitzt sein Freund, ebenfalls halb liegend und andächtig an einer kurzgebrannten Zigarette ziehend. Seine Haare sind wirr und lockig. Der andere fährt vor: „Wahrheitsgemäß mit Ja beantworten muss.“

Sie bemerken, dass ich  sie beobachte und lachen mich an. „Wir lesen Heinrich Böje“, klärt mich der mit den kurzen Haaren auf.  „Böll?“, frage ich nach und sie lachen wieder: „Ja, das kann sein.“ Sie liegen auf der Bank, als wäre es ihr Sofa in ihrem Wohnzimmer. „Vielleicht solltet ihr zu Beginn etwas Leichteres lesen.“ Sie schütteln ungläubig den Kopf: „Nein, nein. Böje ist gut. Böll.“

Und sie halten mir das aufgeschlagene Buch mit staubigen Fingern hin: „Lies du etwas.“ Ich nehme das Buch. Es riecht neu und sieht aus wie ein Schulbuch. Auf der linken Seite steht die Kurzgeschichte auf Deutsch, rechts auf Französisch. Der Lockige beugt sich zu mir und sucht mit seinem langen Finger die Stelle, ab der ich weiterlesen soll. „Ich lebe tatsächlich“, liest er und seine Betonung verdreht wieder den Sinn des Satzes.

Ich lebe tatsächlich von meinem Lachen, und ich lebe gut, denn mein Lachen ist —kommerziell ausgedrückt — gefragt. Ich bin ein guter, bin ein gelernter Lacher, kein anderer lacht so wie ich, keiner beherrscht so die Nuancen meiner Kunst.Lange Zeit habe ich mich — um lästigen Erklärungen zu entgehen — als Schauspieler bezeichnet, doch sind meine mimischen und sprecherischen Fähigkeiten so gering, dass mir diese Bezeichnung als nicht der Wahrheit gemäss erschien: ich liebe die Wahrheit, und die Wahrheit ist: ich bin Lacher.“

Als ich aufhöre zu lesen und zu den Beiden hochschaue, lächeln sie. „Hach, wenn du es liest, verstehe ich es sogar“, sagt der eine und der andere grinst nur. Ich bin verlegen und will ihnen das Buch zurückgeben. Es dauert eine Weile, bis sie es annehmen, denn anfangs schieben sie es zurück in meine Richtung.

„Wie lange seid ihr schon in Deutschland?“, frage ich, obwohl ich lieber fragen will, weshalb sie hier sind. „Vier Jahre“, sagt der Lockige. Statt ebenfalls zu antworten, ruft der andere überrascht auf: „Vier Jahre schon?“ Er verfällt ins Französische und die beiden lachen. Ich mag es, nicht zu fragen, weshalb sie hier sind. Anstatt mir die Gründe zu überlegen, genieße ich das Geheimnis.

„Lies du weiter“, bitte ich den Lockigen und er versucht es ein paar Zeilen lang. „Ich bin zu betrunken“, hört er kopfschüttelnd auf. Enttäuscht versuche ich mir auf meine gedankliche Erinnerungsliste zu setzen, dass ich die Kurzgeschichte noch fertig lesen will.

Als der Zug kommt, springe ich auf und sage: „Macht’s gut!“ Der Lockige grinst und winkt mit dem Buch in der Luft. Der andere hält mir ein Peacezeichen entgegen. Sie bleiben sitzen. Ich habe den Eindruck, sie sitzen den ganzen Abend lang in der U-Bahnstation Moritzplatz und lesen sich Kurzgeschichten deutscher Autoren vor. Durch das U-Bahnfenster hindurch beobachte ich die beiden, bevor sich die Bahn in die Bewegung setzt. Ruhig und fast unbeweglich sitzen sie noch da. Der Lockige hört mich geschlossenen Augen zu, wie der andere die Geschichte weiterliest.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s