Der hübsche Autor

train in vain
Bahnfahren, um den Kopf frei zu kriegen // flickr: gentlyofftheedge

Als ich die U-Bahntreppe hinuntergehe, ist er schon da. Er lehnt an einer dreckigen Säule und sieht mich kommen. Mit einer Hand presst er zwei dünne Bücher an sich. Eine Novelle, dessen Titel ich nicht erkennen kann und ein Notizbuch, dessen Lesezeichenband herausbaumelt. Neben ihm ist eine dieser typischen, drahtigen U-Bahnbänken und ich setze mich.Ich habe ihn vergessen und schreibe auf meinem Handy. Müde bin ich, aber ich bin noch verabredet. Erst als ich in der Bahn sitze, fällt er mir wieder auf. Er sitzt mir gegenüber, die beiden Bücher auf seinem Schoß. Er schaut mich aufmerksam an. Sein Haar ist kurz und erinnert mich an die Farbe von Haselnüssen. Seine Arme sind braun und die Haare an ihnen sehen aus wie ordentlich zur Seite gekämmt. Er sieht nicht aus, als könnte er Mädchen dazu bringen, sich innerhalb einer halben Stunde  zu verlieben. Trotzdem ist er hübsch. Er gefällt mir. In meinem Kopf bildet sich die Idee, dass er Autor ist.

Der Autor fährt Bahn, um den Kopf frei zu kriegen. Schreiben ist eine schwierige Sache, das weiß ich. Seine Mutter ist krebskrank und macht ihm Vorwürfe, weil er sich von seiner langjährigen Freundin getrennt hatte. Diese heiratet bald, was ihm eigentlich gar nichts ausmachen sollte. Außerdem läuft es im Job schlecht. Sein letztes Buch verkaufte sich nicht gut und sein neues will sich nicht schreiben lassen. Und deshalb sitzt er in der Bahn und versucht sich von den Wegen der anderen mitziehen zu lassen.

Eine SMS lenkt mich von ihm ab. Als ich aussteigen will, werde ich wieder an ihn erinnert, indem ich über seine Knie stolpere. Es ist, als würden wir uns immer wieder gegenseitig überholen. Oder Kreise um uns ziehen. Er sagt: „Entschuldige!“, obwohl ich gegen ihn gelaufen war. In Gedanken wünsche ich ihm viel Glück mit seinem neuen Buch. Auf dem Bahnsteig fällt mir erst auf, dass er ebenfalls ausgestiegen war, als ich wegen einer neuen Baustelle umkehren muss. Jetzt läuft er vor mir, bis er plötzlich stehen bleibt.

Er sagt etwas zu mir und ich ziehe meinen Ohrenstöpsel aus meinem Ohr. Er wiederholt seine Frage: „Weißt du, wo die Müllerstraße ist?“ Er lacht. Er wirkt dabei ein wenig verloren. Seine beiden Bücher presst er dabei noch immer an sich. Vor uns steht ein Straßennamenschild: Müllerstraße. Ich zeige darauf und wir beide lachen. Er nickt schüchtern. Dann stehen wir eine Weile an der roten Ampel. Als er abbiegt, weiß ich, dass er zu einem Verlag geht und sein neues Buch vorstellt. Zugern würde ich seine Satzkonstruktionen und seine Neologismen lesen. Viel Glück, denke ich wieder, während er von mir weg abbiegt.

„Guten Tag, ich habe einen Termin“, sagt der Autor am Empfang des Verlages und er nennt seinen Namen. „Sie können gleich reingehen, Sie werden erwartet.“ Er geht mit klopfendem Herzen hinein und umklammert weiterhin seine Bücher. Sein Verleger schüttelt ihm begeistert die Hand: „Wunderbar!“ Nachdem sie sitzen, fährt er fort: „Wunderbar, ihr neues Manuskript. Als sein Buch gedruckt wird, steht auf der ersten Seite eine Widmung: „Danke an die unzähligen Bahnfahrten, die mir geholfen haben, dieses Buch zu schreiben.“

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