Von Paris nach Shanghai

Es ist mein freier Samstag. Ich sitze seit dem Frühstück alleine in den knarzenden Stühlen in der Küche und trinke Roiboos-Tee. Es ist sonnig draußen, aber ich möchte mich nicht vom Fleck bewegen. Vor mir liegen auf einem kleinen Tisch mehrere Zeitungen. Ich atme den warmen Teegeruch ein, während ich im Zeit-Magazin von Ende August blättere. Während ich die Seite umschlage, erkenne ich auf dem ersten Blick das Bild auf der nächsten Zeitung: Es ist eine Landschaft aus einem Zug heraus fotografiert. Der Titel der Reportage lautet „Zug in die Zukunft„. Der Teaser lässt mich erflammen: „Der Blogger Todd Selby reiste mit der Bahn von der ältesten Luxusmetropole zur neusten: Von Paris nach Shanghai.“Meine Fantasie geht mit mir durch. Ich stelle mir vor, wie er im ratternden Zug durch Hitze und Wind fährt. Die Bahngleise spalten Berge, Seen und Wüsten. Wie wunderbar einsam und spannend muss so eine Reise sein! Ich lehne mich im Baststuhl zurück und strahle. Mir ist leicht schwindelig, als das Telefon klingelt. Es ist Louis Vuitton, der mich um einen Gefallen bitten will. „Hi, Louis“, sage ich überrascht. „Weshalb rufst du an?“ Er klingt gestresst, als er mir erklärt, dass er jemanden braucht, der für ihn von Paris nach Shanghai mit dem Zug reist und alles dokumentiert.

„Louis, das trifft sich sehr gut. Ich habe nämlich einen Blog, der…“ – „Ja, ja“, unterbricht er mich. „Also kannst du das für mich erledigen?“ Ich sage erfreut zu. „Dann erwarte ich dich morgen in Paris. Der Flug ist gebucht!“ Nachdem ich aufgelegt habe, stehe ich einen Moment verwirrt in der Küche mit meinem Handy in der Hand.

„So geht das nicht!“, ruft Louis Vuitton und reißt mir meinen blauen Koffer aus Amerika und meinen zerschlissenen Backpacker aus der Hand. „Du musst umpacken!“ Und er lässt zwei Reisetaschen seiner eigenen Kollektion bringen, damit ich wie eine Reisende auf einer Werbetafel aussehe. Ich brenne darauf, endlich einzusteigen und den Fahrtwind in meinen Haare zu spüren. Die zwei Stufen in den Zug hinein sprinte ich hoch und schiebe in meinem Abteil das Zugfenster nach unten.

Louis ruft mir zu: „Mach viele Fotos, damit ich viel Inspiration für meine neue Kollektion bekomme!“ Der Wind weht mir tatsächlich durch die Haare, als der Zug sich in Bewegung setzt. Ich lasse mich in meinen Sitz fallen und lausche dem Rattern der Bahn auf den Schienen. Vor mir stehen die zwei Reisetaschen und ruckeln im Bahntakt. Ich lege meine Füße auf sie und meine Arme hinter meinen Kopf. Eine lange Reise steht vor mir und ich fühle mich wohl in meinem Job als Viutton-Inspirations-Entdeckerin.

In dem Moment klingelt mein Handy. Aus meinem Traum gerissen hebe ich ab. Es ist eine Freundin: „Ist alles gut? Du klingst so abgelenkt.“ Ich erzähle ihr von meiner Reise und sie lacht laut: „Du weißt schon, dass Louis Vuitton schon länger als ein Jahrhundert tot ist?“ Ich seufze und setze mich wieder auf den knarzenden Baststuhl. Fast spüre ich noch den Fahrtwind in meinem Gesicht und ganz leise in meinem Kopf rattert noch der Zug.


Das Videoreisetagebuch desjenigen, der die Reise tatsächlich machen durfte

www.louisvuittonexpress.com

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5 Gedanken zu “Von Paris nach Shanghai

  1. Ach, du wirst noch eine richtige Geschichtenerzählerin! Schön! Es gibt übrigens die Transibirische Eisenbahn, die fährt zwar nicht von Paris nach Shanghai, aber dafür von Moskau nach Peijing.
    Vielleicht fahren wir ja mal zu zweit und lassen den Fahrtwind durch unsere Haare sausen!

  2. nein, nein. du hast da was anderes herausgefunden. das kostet ca. 700€ + visa (90€) – also durch aus überlegenswert, oder so.

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