Die alte Frau und der Käfer

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Bild: Der schwere, lange Seufzer // flickr: Rebecca French Illustration

Sie sitzt vor mir und schaut mit der gleichen Resignation ins Nichts, wie viele alte Menschen. Sie bewegte sich nicht, nur manchmal seufzt sie. Sie seufzst mit ihrem ganzen Körper. Ihre Schultern beginnen, indem sie sich nach oben ziehen. Der Brustkorb wölbt sich und wie schließt kurz die Augen. Dann hört man den schweren, langsamen Seufzer. Danach senken sich ihre Schultern wieder und sie presst ihre Lippen aufeinander. Das war zumindest, bevor sie den dicken Käfer in ihren Haaren entdeckt hatte.

Die alte Frau seufzst und ich fühle mich unfreiwillig mit dem Seufzen alter Menschen auseinandergesetzt. Sie finden ihr Leben schwer und sind einsam. Aber weshalb reden sie nicht miteinander, es gibt doch viele von ihnen? Menschen werden doch angeblich immer älter. Sie könnten auch mit jüngeren Menschen reden, wenn sie das mit dem seufzen sein lassen würden. War ihr Leben jemals schön? Ich versuche sie mir als junge Frau vorzustellen, wie sie im damaligem deutschem Zwang lebte. War sie damals schon so resigniert? Oder dachte sie noch, dass sie irgendwann richtig leben wird? Und jetzt bemerkt sie, dass die Zeit vorbei ist.

Die Frau neben ihr nähert sich plötzlich mit ihrem Prospekt in der Hand den Haaren der alten Frau. Sie ist groß und dünn und trägt einen französischen Bob. Ob er französisch ist, weiß ich eigentlich gar nicht, aber Frauen mit Bob sehen in meinen Augen französisch aus. In den langen, hochgesteckten Haaren der alten Frau sitzt ein schwarzer Käfer und den versucht die Frau mit dem Prospekt herauszuholen. Schließlich holt sie aus und schleudert den großen Käfer weg. Die Alte erschrickt und lacht dann dankbar. Der arme Käfer landet zu den Füßen meiner Sitznachbarin, die diese nur kurz anhebt und zutritt. Ich höre ein Knacken.

Die Alte knetet ihre Finger und redet mit ihrer Retterin. Ich höre nichts, ich höre The Black Keys. Als ein Lied leise zu Ende geht, verstehe ich ein paar Wörter: „-auf Bananen, da sind sie oft. Sie lieben Obst und -“ Aha. Sie erzählt ihr, wie sie zu dem Käfer gekommen war. Die junge Frau nickt und versucht sie nicht mit zu viel Desinteresse zu kränken. Sie schafft es nicht, denn die Alte fühlt sich immer ungewollt. Diese seufzst wieder und schweigt mit resigniertem Blick. Auf dem Weg nach draußen sehe ich den toten Käfer am U-Bahnboden kleben.

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