Als nächstes Barcelona, bitte

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Wohin als nächstes? // flickr: zehrefch

„Barcelona wäre die erste Wahl. Oder London, da könntest du auch einmal länger bleiben.“ Ich nicke ernst gemeint und wäge die Städte ab. „Barcelona kann ich mir gut für mich vorstellen“, antworte ich und sie strahlt. Ich erinnere mich daran, wie ich vor fast zehn Jahren dort aus dem Bus gestiegen war. Die Hitze hatte sich sofort auf mich gestürzt. Das Licht war hell und golden, ich liebte es. Doch, ja, dort könnte ich es eine Weile aushalten.

Meine Mutter ist bei mir in Berlin zu Besuch. Einer der ersten Geschichten, die sie mir erzählt, handelt von zwei Frauen, mit denen sie in einem Café sofort ins Gespräch gekommen war. Schnell, unkompliziert und freundlich. Den ganzen Tag über hatte sie die Stadt erkundet, während ich noch an der Arbeit war. Abends erzählte sie mir, wie sympathisch sie es hier gleich am ersten Tag schon findet. Vor dreißig Jahren hatte sie die Möglichkeit nach Berlin zu ziehen, was sie nicht „wegen der Mauer“ wollte. Im Nachhinein hätte sie es gerne getan. Allerdings weiß sie jetzt ja auch, dass es die Mauer dann nicht mehr gab.

Das erste Mal als wir zusammen mit der U-Bahn fahren, kommen wir am falschen Ende raus. „Nun ja, jetzt siehst du auch mal den Endbahnhof dieser Seite“, sage ich und meine Mama lacht bloß: „Den habe ich schon gestern gesehen. Da bin ich auch falsch eingestiegen.“ Ich stelle mir vor, wie sie verwirrt aufschaut, als die Durchsage „Endhaltelle. Bitte alle aussteigen“ ertönt. Sie sieht dabei genauso aus wie ich.

In der Bahn steigen mit uns Musiker mit Trompeten ein. Sie lassen einen Bass im Hintergrund laufen und singen „Hit the Road, Jack.“ Sie können kein Englisch und lallen die Worte nur nach: „Hit the Doubt, check, and don’t mh mh mhhh.“ Ein pubertierender Junge an der Tür stehend summt mit und wird von den Musikern prompt erwischt. Sie freuen sich und fordern ihn auf mitzusingen. Er läuft rot an und singt beschämt, aber mit strahlend mit.

Ob solche Musiker öfter mit den Bahnen mitfahren, will meine Mama wissen. „Ständig“, lautet meine Antwort und das gefällt ihr. Es stört sie nicht, dass die U-Bahn-Musiker danach zerbeulte Coffee-To-Go-Becher für Geld herumreichen: „Geld will jeder.“ Sie hat Recht und ich will versuchen solche U-Bahnauftritte mit anderen Augen zu sehen. Als die Bahn an einer Haltestelle hält, flöten die Bettler ein „Danke schön“ und meine Mama sagt zurück: „Auch Danke schön!“

Auf dem Weg nach oben in Richtung verregnete Sonne sagt sie, dass ich eine praktische Tochter sei. Dadurch, dass ich öfter an verschiedenen Orten sei, habe auch sie die Möglichkeit, dorthin zu reisen. Halb im Scherz frage ich: „An welchem Ort willst du mich denn als nächstes besuchen?“

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