Hundert Briefe und die Äpfel

Der Apple Pie hätte ihr gefallen // Foto: Johanna Kindermann

Er schaut missbilligend meinen Müllsack an. Dieser ist blau und ein bisschen durchscheinend. Deswegen erkennt man, dass ich keine Pfandflaschen, sondern Briefe  darin befördere. Es sind hundert Stück plus/minus fünf und ich muss sie für die Arbeit zur Post bringen. Vorher war ich in der Redaktion durch jeden Raum gelaufen und hatte Schachteln, Tüten und andere diverse Beförderungsmittel ausprobiert. „Zu meiner Praktikantenzeit bin ich einmal mit einem Müllsack voller Briefe zur Post gelaufen“, hatte meine Kollegin erzählt. Am Ende gefiel mir der Vorschlag und warf die prall gefüllten Umschläge in einen blauen Sack.

Meine Tasche ist ebenfalls blau. Sie wirkt riesig, weil sie ausgebeult von meinem Arm hängt. In ihr befinden sich Äpfel. Keine hundert Stück, aber sehr viele. Ein Kollege bringt jeden Tag seine Äpfel in die Redaktion und ich habe versprochen, diese in einen Apple Pie zu verwandeln. Meine große Tasche sollte dem Mann mir gegenüber eigentlich beweisen, dass ich mir auch etwas anderes als einen Müllsack leisten kann. Das befriedigt ihn aber kaum, das sagt mir zumindest sein Blick.

Er hat auch eine Tasche auf seinen Knien liegen. Eine Sporttasche von Adidas. Ich überlege kurz, ob ich ein Adidas-Zeichen mit Edding auf meine Tüte hätte malen sollen. Der Mann wirkt etwas zu orange vom Solarium und er riecht nach ungewaschenem Körpergeruch und Kippen. Wenn er mich nicht mit seinen bleichen Augen herabsetzt, schaut er auf seine Spiegelung in der Fensterscheibe. Dort zupft er seine lächerliche Frisur zurecht. Der obere Teil ist mit Gel stramm nach oben gezogen, an der Stirn biegen sich runde, fettige Strähnen Richtung Augen. Er ist mir sehr unsympathisch.

Ich nenne ihn Heinz. Wahrscheinlich war seine Mutter weniger gemein bei der Namensgebung, aber ich beschließe, dass ich dabei nicht wertungsfrei sein muss. Heinz steht also auf, obwohl die Haltestelle noch lange entfernt ist. Ich folge ihm langsam, obwohl ich ihn lieber ziehen lassen würde. Er steckt noch in der U-Bahn eine Zigarette an. Ich wäre gerne eine Oma mit Regenschirm, dann würde ich ihm eins mit meinem Schirm überbraten. Allerdings bin ich nur Hanna und die hat ein wenig Angst vor ihm. Seine orange Haut sollte lächerlich wirken, tut sie leider nicht oder nicht genug.

Selbst nachdem ich bei der Post war und zu meinen Äpfeln und Briefen noch hundert Briefmarken bekommen habe, denke ich noch an ihn. Heinz hat eine Freundin. Svenja. Sie ist hübsch und hat noch nicht verstanden, dass er kein netter Typ ist. Das liegt vor allem an ihren Umfeld. Sie glaubt, dass Männer so seien, denn alle ihre Freundinnen werden genauso behandelt. Dafür macht sie ihm auch größtmöglich das Leben schwer. Sie ruft ihn nachts an, wenn er mit seinen Jungs in der Kneipe sitzt. Sie gibt ihm die Schuld, wenn ein Mädchen ihn anlächelt. Manchmal trennt sie sich von ihm, nur damit sie wieder zusammenkommen können. Er glaubt, Frauen seien so.

Am nächsten Morgen fällt mir Svenja wieder ein, als ich mir den fertigen Apple Pie, zu dem die Äpfel geworden sind, anschaue. Er ist in Herzform, da ich in der Berliner WG keine andere Backform gefunden hatte. Der hätte ihr gefallen. Während ich ihn verpacke – dieses Mal in einer H&M-Tüte und nicht in einem Müllsack – und meine mittlerweile frankierten Briefe wieder schultere, wundere ich mich, weshalb ich nicht die Freundin eines Idioten vergessen kann. Ein Idiot, mit dem ich nichts teile als fünf Minuten Gegenübersitzen und den Rauch seiner Zigarette.

Erst als ich die Briefe beim Umsteigen in der Post nach und nach in den Briefkasten werfe, wird mir bewusst, dass ich sie nicht nur bemitleide, sondern vor allem froh bin. Ich bin froh, weil ich mehr kenne als einen Heinz. Ich bin froh, dass ich Müllsäcke in der Bahn dabei haben kann, denn Svenja macht sich das Leben regelmäßig schwer, weil ihr so vieles zu peinlich ist. Ich bin froh, dass ich reflektieren kann und keine Spielchen treiben muss, weil mir die Wahrheit auch zu peinlich ist. Und als ich den Müllsack zerknäulend dem Briefkasten den Rücken zudrehe, sehe ich Svena und Heinz. Zumindest könnten sie es sein. Er ist bullig, ihre Jacke ist trotz ihrer dünnen Statur zu eng. Als ich an ihnen vorbeigehe, bekomme ich etwas Zigarettenrauch ab.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s